I was today years old... - Der Thread für Spätzünder

V.a. wenn man in einem Elternhaus aufwächst, wo die Devise galt: „Wenn du nicht studierst, bist du ein niemand.“ und „Du hast Migrationshintergrund und du musst besser sein, um es überhaupt irgendwo zu etwas zu bringen.“

Hab und hatte ein stabiles Gemüt, aber mit so einem „Credo“ aufzuwachsen ist trotzdem scheiße. Das Modell „Ausbildung als Vorbereitung auf das Studium“ war keine Option, die auch nur zur Diskussion stand. 2 Jahre „verloren“ habe ich trotzdem. Jahre später haben meine Eltern so manches anders gesehen, aber es waren halt auch andere Zeiten und sie selbst haben diesen Schritt gewagt, in den Westen zu ziehen und haben sich da sicher auch selbst viel zu viel Druck gemacht hinsichtlich der Laufbahn der eigenen Kids.

7 Danksagungen

Sorry für meine ganze Lebensgeschichte reicht meine Arbeitszeit heute nicht mehr.

Bin auch raus, viel zu geiles Wetter. Bis morgen früh, Leute! Und schaut bitte, dass ihr die SC-Spülmaschine anmacht, bevor ihr abstempelt.

Mich macht die Diskussion echt ein bisserl nostalgisch. In ähnlicher Besetzung wie aktuell hatten wir früher einen fucking SCHULE Thread. Wo es um so Themen wie „Mathe-Hausi“ ging lol.

Und 20 Jahre später hängen hier noch dieselben Lümmel rum.

12 Danksagungen

Da hättest du einmal die Möglichkeit für was Sinnvolles Überstunden zu machen… :rolleyes:

Aus erster Hand kann ich sagen, dass das genaue Gegenteil davon auch nicht sehr geil ist. „Wieso willst du Abitur machen? Dein Vater und ich sind auch nur bis zur 8. Klasse in die Schule gegangen!“ „Was! Du willst studieren? Lern doch lieber was Ordentliches.“

Kurz gesagt, jegliche Erwartungshaltung von Eltern an den Nachwuchs bezüglich ihrer beruflichen Zukunft lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Deswegen habe ich an meine Kids auch keine Erwartungen, außer dass sie natürlich erfolgreiche Sportler oder Musiker oder Künstler werden sollen.

19 Danksagungen

Und Pickeln.

Also ich hab bei Pro Markt und bei Mediamarkt angerufen und der Typ meinte, ich soll vorbeikommen und kann PES abholen. Ein Kumpel war einfach im Walmart hier ums Eck und hat es ebenfalls bekommen. Hier sein Kassenzettel.

22 Danksagungen

Hat zu der Zeit noch jemand den “Oktaeder des Grauens” im Abi gehabt?

Und damit wir beim Thema bleiben: ich hab heute gelernt, dass dieses Mistvieh doch lösbar war. Es hielt sich damals hartnäckig das Gerücht, dass Teile der Aufgaben unlösbar seien. Hilft mir heut auch nichts mehr und die 9 Punkte damals haben mich schon genervt.

2 Danksagungen

Dazu kann ich auch einiges beitragen…

Elternhaus nach dem Motto „Diamanten entstehen unter Druck“ + die Bürde einer großen Schwester mit 1,0 Abi. War immer solider 1,7-1,8er Schüler. Ne 3 auf dem Zeugnis war schon Alarmstufe Rot Zuhause mit Drohungen nach dem Motto „Wenn die nicht zum Endjahres-Zeugnis weg ist, kannst du dich schon mal bewerben!“. In der 11. war es dann so weit: Hatte Geografie, was ohnehin abgewählt wurde zur 12./13. und mir da zum Halbjahreszeugnis ne 4 gefangen, weil einfach keinen Nerv zu gehabt. Gesamtschnitt damals trotzdem irgendwas um 1,9.

Kurzer Einschub hier: Ich habe generell nie auch nur einen Handschlag für die Schule gemacht. Mit dem Klingeln endete das Kapitel Schule und ich habe selbst Gedichte einfach komplett verweigert zu lernen. Außer Präsentationen und den benoteten Hausarbeiten habe ich nach der Schule gar nichts getan und nie gelernt.

Mit dem Zeugnis Zuhause die klare Botschaft von der Mutter bekommen: „Gut, dann brauchst du wohl kein Abitur machen. Bereite schon mal Bewerbungen vor, wir melden dich von der Schule ab.“

Habe dann interveniert, dass ich das für totalen Mumpitz halte, aber war nix zu machen. Habe dann über meine Klassenlehrerin ein Gespräch zwischen ihr und meinen Eltern vereinbart. Dort hat sie meinen Eltern klar gemacht, dass es verrückt wäre, einem soliden 2+ Schüler das Abitur zu verwehren. Meine Mutter blieb hart, aber mein alter Herr dann das eine Mal meine Mutter überstimmt und gesagt, dass ich mein Abitur machen darf.

Mein einziger Fokus war dann, nach der Schule schnellstmöglich einen bezahlten Job zu finden und aus dem Elternhaus wegzukommen, weil ich diese Art des Drucks nicht noch in einem Studium haben wollte, in dem ich möglicherweise auf elterliche Unterstützung angewiesen wäre.

Ohne diese Situation hätte ich gern Journalismus studiert und wohl schon relativ jung versucht, einen Fuß in den Automobiljournalismus zu bekommen. Stattdessen wurde es ein VWL-Studium als Offizier bei der Luftwaffe (weil es schließlich bezahlt war) und nach der Dienstzeit ein duales Studium in Public Management und später eine Verbeamtung auf Lebenszeit.

Durch glückliche Fügungen und einen Burnout später habe ich den Weg dahin tatsächlich auf Umwegen gefunden. Es brauchte aber diese Depression, in der ich realisiert habe, dass ich die ersten 15 Jahre meines Berufslebens nur deshalb gewählt habe, weil ich a) immer wieder eingedroschen bekommen habe, wie wichtig Sicherheit und solides Gehalt ja wären und b) ich einfach schnellstmöglich finanziell unabhängig vom Elternhaus werden wollte.

Mein Learning daraus: Gib den Kindern überhaupt nicht vor, was ein toller Beruf sein könnte, sondern ermuntere sie dazu, auszuprobieren, was ihnen liegt und übe keinen Druck aus. Stattdessen zeige ihnen auf, dass der erste Schuss nicht zwingend sitzen muss und man eben erstmal für sich wirklich herausfinden muss, was einem liegt, worin man gut ist. Ob das nun etwas mit Menschen, mit Maschinen, mit Handwerk oder sonst was ist. Alles andere ergibt sich dann von allein und Bildung lässt sich auch nachholen, falls beispielsweise die Reife bzw. Erkenntnis dafür gerade noch nicht ausgeprägt genug ist.

43 Danksagungen

Ist ‚kleine Schwester‘ dann eine Steigerung? :usad:

Riesenrespekt für diesen Move, v.a. in dem Alter.

Viel zu krass, was für einen Impact selbst gut gemeinte Motive haben können. Und das Schlimmste daran: Wieviele da draußen haben sich nie befreit und konnten nie einordnen und geben ihre Erfahrungen genauso an die eigenen Kids weiter, ohne auch nur zu checken, was sie da anrichten?

Und trotzdem nagt so etwas an einem und man vergisst schnell, dass es als ‚Escape Route‘ auch die Rebellion gibt, die dann gerne noch mehr Schaden anrichten kann.

2 Danksagungen

Das ist vermutlich genauso doof :ugly: In dem Fall aber nicht der Fluch der guten Tat der Vorgängerin („Deine Schwester hat das doch auch hinbekommen, warum du nicht?“)

:folded_hands:

Allerdings war das eher der Mut der Verzweiflung. Wenn du dich Zuhause nicht gehört fühlst und gegen eine Narzisstin anreden musst, dann fragst du dich eben, wer dir da überhaupt noch helfen könnte. Glücklicherweise war ich immer die Sorte Schüler, die zwar auch mal Mist macht, aber im Kern vernünftig war und bei allen Lehrern irgendwie nen halben Stein im Brett hatte.

Bis heute bin ich meiner Klassenlehrerin unfassbar dankbar, dass sie das gemacht hat. Wer weiß, was das Leben ansonsten für mich bereitgehalten hätte. Neulich kam mir auch mein Jahrbuch von damals in die Finger und ich hab mich wieder an die Episode erinnert. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich damals nicht viel mehr als ein „Vielen Dank“ zu dem Thema herausgebracht habe. Vielleicht sollte ich da mal einen Brief verfassen…

Davon gibt es vermutlich Millionen und Abermillionen. Deshalb nutze ich auch jede Gelegenheit über diese Themen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu sprechen. Wenn man weiß, wie kacke das sein kann, da falsch abzubiegen, möchte man einfach alles dafür tun, andere Menschen davor bewahren zu können. Und wenn es „nur“ die eigenen Kids sind.

13 Danksagungen

Mach das! Was denkst du, wie viel ihr das bedeuten würde.

Für dich eine Stunde Arbeit, für sie vermutlich ein Highlight des Jahres.

21 Danksagungen

Das habe ich jetzt nicht erwartet und weiß gerade nicht, wie ich in Kurzform die Brücke zu mir schlage, aber ich habe erst seit ca. einem Jahr die Gewissheit, dass mein Vater eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat und das Resultat ist, dass seine Frau sich von ihm hat scheiden lassen und beide Kinder den Kontakt abgebrochen haben. All das passierte simultan zur schönsten Phase meines Lebens: Der Schwangerschaft und Geburt unserer Tochter. Ja, es gibt diese Form auch in der Ausführung „subtil und introvertiert“ mit gespielter und nach außen getragener Bescheidenheit.

Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, es via Post hier aus meinem System zu spülen, aber es ist so viel in so kurzer Zeit passiert und ich habe Monate gebraucht, um wieder normal schlafen zu können, deswegen kommt das evtl. mit etwas mehr zeitlichem Abstand.

15 Danksagungen

Gewissheit in Form von Diagnose oder selbst so einordnen können? Falls erstes, wäre ich verblüfft.

Aber so oder so sadfive an der Stelle. Sowas ist alles andere als leicht. Wie geht es dir mit dem Kontaktabbruch?

Ich hab das Thema kürzlich auch wieder durch und nun den dritten Kontaktabbruch durch meine Mutter und mir geht es mit der Situation so gut wie nie zuvor, muss ich sagen. Klar, ein gewisses bisschen Traurigkeit, dass die eigene Familie so zerrüttet ist, ist schon dabei, aber da sie auf mein Angebot, unsere offenbaren Differenzen mal im Beisein professioneller Hilfe zu besprechen, überhaupt nicht eingegangen ist, habe ich meinen Frieden damit und kann selbst sehr gut in den Spiegel schauen.

1 Danksagung

Natürlich, natürlich. In seiner Welt ist ja noch alles in Ordnung, wir sind alle nur viel zu emotional und empfindlich.

Es gab nie einen Versuch eines Wortwechsels. Er hat versucht, seine Kinder gegen seine eigene Ehefrau im Zuge der Scheidung zu instrumentalisieren, was umso lächerlicher war, als das wir beide einen tollen Draht zu unserer Mum haben. Jedes Mal, wenn ich in zu stillen Momenten an ihn denke, streite ich im Kopf mit ihm und prügle dabei auf ihn ein. Er kennt den Namen seiner Enkelin nicht von mir und sie wird ihn nie kennenlernen. Alles recht schmerzhaft, wenn man sich mal überlegt, dass ich bis vor 2 Jahren noch davon ausging, dass ihn der eigene, bevorstehende Ruhestand aktuell fertigmacht und ich als Sohn ihm jetzt mehr zur Seite stehen sollte.

1 Danksagung

Oder: Ohne Freundin und unseren kleinen Engel hätten mich diese knapp 18 Monate gebrochen und ich hätte mich nach Support umschauen müssen.

2 Danksagungen

:wink:

Aus unserer Stufe haben von 150 Leuten nur eine Handvoll den Zweitversuch in Anspruch genommen, ich selbst habe mich mit 6 Punkten zufrieden gegeben. Um meine Gesamtnote sinnvoll zu steigern (von 3,1 auf 2,x), hätte ich im Zweitversuch so viele Punkte mehr holen müssen, dass ich aufgrund der überschaubar gute Vornoten im Erfolgsfall noch eine mündliche Abweichungsprüfung hätte machen müssen. :jeffkoch:

Ha, dieser Oktaeder hat auch mich damals hart getroffen. Und statt einer guten zwei hatte ich „nur“ eine schlechte 3 in der Klausur.
Eine Wiederholung machte aber auch für mich keinen Sinn, da es an der Endnote des Abi aller Voraussicht nach nichts geändert hätte (und wenn doch nach oben hin, hätte ich auch eine mündliche Nachprüfung benötigt).

Ohne viel beitragen zu können, ich habe in den letzten zwei Jahren unfreiwillig viel gelernt. Unter anderem sich von Menschen zu trennen, die einem nicht gut tun.

Wir haben den Kontakt zum Bruder meiner Frau und seiner Familie abgebrochen. Genauso wie zu anderen Verwandten. Meine Mutter habe ich seit über 5 Jahren nicht mehr gesehen. Ich telefoniere nur noch ab und zu mit ihr, weil meine Moral den Kontaktabbruch nicht zulässt und ich denke, dass sie nicht mehr lange da sein wird.

1 Danksagung