Fußball!
Zu meinem kleinen Glück habe ich vor zwei Jahren meinen Weg zum Stadion Panzenberg im Bremer Westen gefunden. Dort spielt der Bremer SV. Ein durchaus mit Tradition erfüllter, aber nie sonderlich hochklassig spielender Fußballverein. Seit einigen Jahren hat sich dort eine kleine Fanszene gebildet. Einerseits die klassischen Seit-Ewig-Hingeher auf der Haupttribüne und zusätzlich angepunkte Mit-Dreißiger bis-Fünfziger und alternative Studentekopp-Fußballfans für die Gegengerade. Viele lustige Sticker werden produziert, hier und da auch mal eine Choreo gemacht…naja, ich berichtete wohl schon.
Der BSV ist ein klammer Verein und eigentlich in der Bremen-Liga beheimatet, aber seit drei Jahren ächzt er sich durch Deutschlands lustigste Regionalliga und hat schon zweimal - trotz kleinstem Etat mit knapp 300.000€ - die Klasse gehalten.
Diese Saison sieht es aber recht düster aus. Bisher profitierte der BSV von der Schwäche der Aufsteiger. Diesmal jedoch sind mit Werder II und den ambitionierten Kickers aus Emden zwei Schwergewichte aufgestiegen, sodass nur ein Verein klarer Außenseiter (SV Todesfelde. Wait…What?) war. Bei bis zu 5 (und wahrscheinlich 4 Absteigern angesichts des recht sicheren Abstiegs von HSV 96 II aus Liga Drei und dem ebenso wahrscheinlichen Nicht-Aufstieg vom TSV Havelse in der Relegation gegen Lok Leipzig) Absteigern eine Mammutaufgabe. Einzig der Rückzug des Ex-Lukoil-Investoren-Clubs Teutonia hat schon einen festen Abstiegsplatz weggenommen…
Dazu gibt es ein riesiges Personalproblem: Nikky Goguadze hat in der Hinrunde bei 19 Spielen 18 Tore geschossen. Das brachte ihm ein Angebot des Drittligisten aus Osnabrück ein und dem BSV eine hohe fünfstellige Ablösesumme. Aber auch ein Riesenloch im Angriff, da der Tüp wirklich überragend gespielt hat.
Und entsprechend sah es auch aus. Vor dem Auswärtsspiel bei besagter Teutonia setze es zum Heimauftakt gegen den direkten Konkurrenten aus Norderstedt („Ob Braunschweig, ob Trier, die Eintracht sind nur wir!“) auf dem Ausweichsportplatz Platz 11 ein 0:1. Meeeeh. Acht Punkte Rückstand auf den wohl rettenden 14. Platz. Zwar 2-3 Spiele weniger als die Konkurrenz, aber was heißt das schon. Die müssten ja erstmal gewonnen werden.
Dann ging es gegen Ottensen aber bemerkenswert los: 3:0 auswärts. Neu-Stürmer Serkan Dursun mit zwei Treffern.
Nun standen sage und schreibe fünf Heimspiele an. Und die dürfen auch wieder am heimischen Panzenberg-Stadion stattfinden.
Zuerst am vergangenen Sonntag gegen den Tabellendritten aus Lübeck. Phönix. Aka: Das coole Lübeck. Ein durchgehender Nieselregen wird durch kurze Sonnenphasen aufgelockert und ein extremer Wind bläst den Ball wild durch die Gegend. Die Stimmung der gut 600 Zuschaier ist exzellent. Wegen des schlechten Wetters haben sich mehr Menschen als sonst auf der Haupttribüne eingefunden und feuern da an, wo der Hall gut hilft, während der treue Pöbel gegenüber auch immer wieder lärmend dem Regen trotzt. Und der BSV spielt gut. Das Prinzip ist zwar meist: Holz 8 auf die großen Stürmer. Aber wenn dort mal der Ball behauptet wird, gibt es nette Kombinationen. Und tatsächlich fällt das 1:0, als eine weite Flanke per Kopf in die Mitte gelegt wird und „Zinedine“ Tunc den Ball aus 5 Metern ins Tor drückt. Der BSV ist mutig. Früh wird attackiert, hinten hält der mit Abstand beste Spieler im Kader, ‚Toschi‘ Miyamoto - eigentlich kleiner Außenverteidiger, aber wegen seiner guten Antizipation in die Mitte gerückt - die Ordnung…Der Gegner - für den es zugegebenermaßen um nichts mehr geht - kriegt nichts hin…
…bis kurz vor der Halbzeit ein Steilpass durch die Mitte unbeachtet durchrutscht, der Stürmer sauber den guten Torwart umkurvt und einschiebt. Und bevor man sich nocht richtig ärgern kann, steht es schon 1:2. Ball nicht weggekriegt. Kennt jeder. Halbzeit. Boah…Der BSV hat es in dieser Saison geschafft, eine 3:0-Führung in ein 3:4 zu verwandeln. Beim Stand von 1:1 konnte gegen irgendwen 30 Minuten Überzahl gespielt werden, aber ein zu kurzer Rückpass lud den Gegner zum 1:2 ein…Es ist immer wieder das gleiche bei den Kleinen. Egal ob Bundes- oder Regionalliga. Irgendwie ist es doch einfach zu wenig. Trotz allem Einsatz, trotz guter Taktik, trotz einzelner Lichtblicke.
Die zweite Halbzeit schleppt sich durch die nicht nachlassenden Schauer. Die sind kein schrecklich nervender Regen - eher dünner Niesel, der durch den starken Wind immer von der Seite kommt und man sich gut davon wegdrehen kann. Der BSV versucht sich wacker weiter mit langen Bällen - jetzt gegen die Böen - aber es tut sich nichts. Bis in der 70. am Fünf-Meter-Raum einem Bremer der Ball vor die Füße fällt. Unbedrängt kann er ausholen. Er schaufelt drauf los. Und der Ball fliegt an die Latte und dann ins Aus…Es soll eben nicht sein.
Einzig durch Ecken und Freistöße kann noch etwas passieren. Drei Minuten vor Schluss: Ein weiterer Ball segelt, wird verlängert. Am langen Pfosten steht er: Muzzafar Cem Degermenci (Bitte singen auf Dschinghis Khans ‚Moskau‘: „Muzza - Muzza - Muzzafacemdegermenci - Muzzafacemdegermenci - Ha Ha Ha Ha Ha! HEY!“
) braucht nur seinen Fuß gegen den Ball halten und der Ausgleich ist da. Und dann ist Fußball eben Fußball: Ball schnappen, zur Mittellinie tragen. „Auf Freunde! Weiter weiter, weiter, Männer!“ Trainer winken, Fans schreien, der Regen hört sogar auf…
…und in der beginnenden Nachspielzeit gibt ebenjener Cem Degermenci einen wiedermal an den hinteren Pfosten geflankten Ball zurück vor’s Tor, wo der nicht sehr wohl gelittenen, weil einfach nicht gut spielende 2-Meter-Schlacks Luca Mittelstädt den Ball ins Tor piekst.
Fußball! Liebe! Ekstase - wie halt so halbreflektierte, explizite Nicht-Ultra-Fußballfreund:innen exstasieren können…
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Das war am letzten Sonntag. Eigentlich wollte ich das alles da schon schreiben, aber dann kam „KeineZeitdafürgenommen“ dazwischen.
Und heute gab es das nächste Nachholspiel. Gegen den Tabellenzweiten - den SV Drochtersen/Assel. Vermutlich ein forenweit bekannter Verein. Traumwetter. Frühling. Abendsonne.
Wieder ein 1:0 Mitte der ersten Halbzeit. Keine Gegentreffer vor der Pause. 78.: 2:0…86.: 3:0. Wasistdennhierlos, Alter…Endlich mal ein entspannter Sie…Zack! 87. 1:3; 90.: 2:3 Hiiiilfe…Aus…
Drei Siege in Folge. Wieder Hoffnung im Abstiegskampf. Fußball.
