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Nach zwei Stunden bin ich durch, sowohl mit dem Spiel als auch mit den Nerven. Nicht weil Horses besonders gruselig ist oder mich spielerisch zur Weißglut getrieben hat, sondern weil es ein Spiel ist, das ich so noch nie erlebt habe. Alles an Horses ist unangenehm. Diese verstörenden Charaktermodelle und die dazugehörige „Mimik“, wenn man sie denn so nennen darf, die Aufgaben, die man auf dem Hof übernimmt und die gesamte Geschichte, die sich im Laufe der 14-Ingame Tage ausbreitet. Ich würde gerne so viel dazu schreiben, aber irgendwie muss ich das Teil erst einmal verarbeiten. Und gleichzeitig kann ich aber auch gar nicht so viel dazu schreiben, da Horses interpretierbar as fuck ist - manches offensichtlicher, manches subtiler.
Kurz zusammengefasst: ihr spielt einen jungen Mann, der während seines Studiums für 14 Tage auf einem Pferdehof aushelfen möchte. Doch schon kurz nach der Ankunft stellt ihr fest, dass die Tiere dort alles nackte Männer und Frauen mit Pferdemasken sind und es gar keine echten Pferde gibt. Der Hofherr gibt euch über die Tage verteilt dann Aufgaben, die ziemlich harmlos beginnen (so harmlos, wie es halt bei entmenschlichten Personen möglich ist) und im Laufe des Besuches immer gestörter werden.
Spielerisch ist Horses ein Walking-Simulator mit ganz rudimentären Interaktionen, sterben könnt ihr nicht. Die Präsentation ist hingegen wirklich einmalig, dieses Machwerk ist eine Mischung aus Stummfilm und 70er Jahre Italo-Suspense, immer unangenehm bis anspannend, aber nie mit billigen Jumpscares. Immer wieder werden Szenen leicht durchsichtig eingeblendet, es gibt viele Bild in Bild Situationen und alles ist in schwarz-weiß. So einen Artstyle habe ich bisher in noch keinem Spiel so gesehen und passt hervorragend zum ganzen Spiel.
Horses behandelt ganz viele schlimme Themen - bspw. Suizid, sexueller Missbrauch und physische Misshandlung. Dabei schafft es aber den Spagat, diese Szenen explizit genug darzustellen, um ein sehr schlechtes und unangenehmes Gefühl zu erzeugen, dabei aber genug verdeckt, um es nicht einfach als Torture/Gore-Porn hinzuklatschen. In einer Szene wird ein Arzt zum Hof gerufen, weil eine „Stute“ krank ist und ärztliche Betreuung benötigt. Schon von Anfang an spürt man, dass der Tierarzt nichts Gutes im Schilde führt und gemeinsame Sache mit dem Hofherren macht - bis dann das passiert, womit man die ganze Zeit schon gerechnet hat und es einem dann tatsächlich für ein Videospiel auch ziemlich explizit vor Augen geführt wird. Danach saß ich erstmal da und musste eine kurze Pause machen, einfach weil es so ekelhaft war. Aber gerade diese Tabuthemen wie Missbrauch, die auch schon in Mouthwashing behandelt wurden, sollten besprochen werden können, auch wenn es unangenehm ist. Steam, Epic und Humble hatten auf jeden Fall nicht den Mut, dieses Spiel auf ihren Plattformen stattfinden zu lassen und haben Horses mal eben gebannt, bisher sind einzig GOG und Itch.io (zurecht) standhaft geblieben.

Mich wird Horses noch Tage beschäftigen und ich freue mich schon darauf, mich mit anderen Spielern über Theorien und Interpretationen austauschen zu können. Es ist sicher kein Spiel für jeden, aber Leute, die zwei Stunden Zeit haben, keine 4,99€ ausgeben wollen und sich für Horror- und experimentelle Spiele begeistern können, sollten sich gerne ein Walkthrough auf YouTube dazu anschauen.

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