Was ich nicht verstehe ist inwiefern deine vor Strohmännern nur so strotzende Rage-Argumentation jetzt zielführender sein soll als das, was dende82 geschrieben hat. Wo du ihm vorwirfst, gegen „die Linken“ als Ganzes zu argumentieren, keilst du ähnlich schwammig gegen die diffuse Masse derer, die du als „Linke sind an allem schuld“-Schreihälse wahrnimmst, statt konkret auf irgendeinen von seinen Punkten einzugehen.
Ist das wirklich so schwer, solche Fälle wie z.B. den von FFF und Ronja Maltzahn einfach mal auf einer Ebene zu nachzuvollziehen, auf der auch Leute mitkommen, die nicht im turboalternativen Milieu sozialisiert wurden? Recap:
Klar kann man da den großen historisch-kulturellen Bogen spannen und Kolonialismus, Rassismus, Aneignung usw. ins Boot holen. Ist nicht völlig an den Haaren (höhö) herbeigezogen. Mindestens genauso erlaubt muss es aber sein, FFF für ein bisschen geisteskrank zu halten, wenn sie einer Künstlerin (die offensichtlich deren politische und gesellschaftliche Ziele teilt) extrem kurzfristig absagen, und das einzig und allein mit dem Aussehen der Frau begründen - verbunden mit der schamlosen Bemerkung, dass sich die Dame ja einfach ihre Dreads abschneiden, sich damit den ästhetischen Erwartungen Dritter anpassen, und so ihren Auftritt retten könnte. Spätestens da fasse ich mir ans Hirn und frage mich, wie Linke - die sich meines Wissen u.a. solche Ziele wie Toleranz, Feminismus und damit verbunden die Selbstbestimmung der Frau auf die Fahnen geschrieben haben - dafür Applaus spenden können. Ein ziemlich gruseliges und überhebliches Selbstverständnis.
Wenn Dreads an Weißen kulturelle Aneignung sind, dürfte es eine weiße Reggae-Band genauso sein, auch ohne Dreads. Wie sieht’s mit dem Blues aus, der seine Wurzeln u.a. in Klageliedern über die Plagerei der Sklaven auf den Baumwollfeldern hat - mit welchem Recht sollten weiße Musiker z.B. dem FFF-Mindset nach noch Blues spielen dürfen? Müssten sich die Beatles heute einen Shitstorm dafür gefallen lassen, traditionelle indische Musik in ihre Musik einfließen zu lassen, während sie damals dafür gefeiert wurden, dem Westen diese Kultur näherzubringen? Klar öffne ich hier jetzt Tür und Tor für sowas wie „Hypochonderjunge sieht Kulturkrieg gegen Weiße heraufziehen“, aber vielleicht könnten wir nur ausnahmsweise mal auf der diskutierten Ebene bleiben. Denn wo, wenn nicht in diese Richtung, führen solche Entwicklungen denn hin? Denkt man diese Ideologie zu Ende, führt das - da hat dende82 m.E. recht - zu separierten kulturellen Schubladen, deren Durchmischung geächtet wird und deren Mitglieder primär nach Äußerlichkeiten und Ethnie einsortiert werden - und das unter kräftigem Zuspruch von links. Das ist deswegen keine rechtsextreme Ideologie, die Formulierung schießt natürlich übers Ziel hinaus - aaaaber: Zumindest ist der Gedanke nicht völlig abwegig, dass der sich immer weiter verstärkende Eindruck von „man kann den Linken einfach nie korrekt genug sein“ zu zunehmender, selbstbefeuerter Entfremdung von dieser politischen Denkrichtung führt - und die Alternativen, zu denen solche Leute dann abwandern könnten, sind überschaubar.





