Nein, mir geht es um das nachträgliche Drauftreten.
Dann würde ich gerne mal diese Warnungen sehen, aus denen hervorgeht, dass eben nicht nur Keller volllaufen sondern Häuser einstürzen und Städte mehrere Meter unter Wasser stehen.
Ich finde diese abstrakten Warnungen gibt es nunmal sehr oft in Deutschland.
Allein am Rhein in Köln gibt es regelmäßig Hochwasser. Dann sind nunmal die Keller voll und die Gastronomie am Rhein muss die Möbel hochstellen.
Waren die sich in dem Fall wirklich über diese Ausmaße bewusst?
Wenn die sich so sicher waren, dass tatsächlich ganze Ortschaften völlig zerstört werden wundere ich mich über diese scheinbar sehr verhaltenen Warnungen.
Sorry, aber ich bin mit nicht sicher, ob du weißt, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert? Was heißt denn „abstrakte Warnungen“? Die Meteorologie kann vieles, aber das hört sich bei dir so an, als solle sie gefälligst vorhersagen können, dass der Pegel in der Humboldstraße in Hallein um 13:26 Uhr 4 Meter höher sein wird. Das kann sie natürlich nicht. Gerade bei Wetterlagen spielen so viele Parameter eine Rolle, dass oft erst Minuten vorher ersichtlich ist, welche Kommunen betroffen sind. Was die Wissenschaft kann, ist vorauszuberechnen, wieviel Niederschlagspotential in der Atmosphäre ist und mit welcher Wahrscheinlichkeit es in welcher Region runterkommen wird. Und diese Voraussagen waren sehr deutlich. Die Politik hat dann die Aufgabe, aus dieser Botschaft Rückschlüsse zu treffen, Vorkehrungen zu treffen und zu warnen. Denn dass es sich um eine Extremwetterlage handelt, war allen klar, auch der Politik (Krisenstab war eingerichtet), nur wurden nicht die richtigen Schlüsse gezogen und die Warnungen sind nicht angekommen. Wer genau dafür verantwortlich ist, muss untersucht werden. Und es muss Konsequenzen geben. Nur der Fehler liegt auf politischer Seite, nicht auf der wissenschaftlichen.
„Es kommt eine Flut, die maximal ein paar mal im Jahrhundert auftaucht“ finde ich schon konkret genug, zumal ja Landkreise etc. klar benannt waren. Andere Quellen sprechen auch davon, dass in der detaillierteren Beschreibung ausdrücklich auf Lebensgefahr hingewiesen wird.
Das EFAS hat Warnungen der Stufe „Extrem“ raus gegeben. Das klingt schon, als wären sie sich sicher gewesen. Auch über die Ausmaße.
E: Ach never
E2: Katwarn- und Nina-App schlugen an, ja. Aber man könnte natürlich auch diskutieren, ob "Wir haben 150 Warnmeldungen […] ausgesendet“ vielleicht einfach zu viel war, ohne da jetzt die geografische Verteilung zu kennen und die wirklichwichtigen Nachrichten dadurch einfach untergingen.
Das ist ja alles in Ordnung.
Aber es ist eben kein Vergleich zu einem Tornadogebiet möglich, in dem es jedes Jahr passiert und den Politikern und der Bevölkerung klar ist, was bevorsteht.
In Deutschland endet doch ein Großteil der Warnungen vor extremen Unwettern in vollgelaufenen Kellern und umgestürzten Bäumen.
Eine Katastrophe dieser Größenordnung gab es einfach noch nie.
Waren die Warnungen der Meteorologen diesmal so sehr anders als bei sonstigen Überschwemmungen?
Davon abgesehen haben meine Katwarn und NINA-App eigentlich ziemlich viele Pushnachrichten rausgehauen in der Zeit vor dem Unglück.
Schlimm ist, dass die öffentlich-rechtlichen den Apps da wohl ziemlich hinterherhingen.
Das ist ja genau der Bums, den es zu klären gilt, wenn man schon aus den letzten Fluten nicht gelernt hat.
Wenn die Info da ist, wie erreicht sie gezielt die Menschen und Handlungsträger? In unserem föderalen und komplexen Gestrüpp aus Bund, Ländern, Kommunen, Behörden (z.B. Deutscher Wetterdienst) und Öffentlich-rechtlichen ist entweder die Info versickert (sorry für die Doppeldeutigkeit, aber mir fällt kein Synonym ein) oder es hat sich keiner verantwortlich gefühlt.
Wie bringt man so eine Info, die eben NICHT eine alltägliche Unwetterwarnung ist, sondern von einer Behörde kommt, die nach den Hochwassern 2002 EXTRA AUFGESETZT wurde und die sagt „Es kommt die schlimmste Flut seit >20 Jahren!!1 Und zwar genau in den Kreisen X, Y und Z“ hin zu schnellen Maßnahmen, die Leben retten?
„Es passieren keinerlei Maßnahmen sondern nur, wer zufällig diese Katastrophenapps hat, weiß Bescheid, der kriegt aber auch so viele Nachrichten, dass man sie kaum einordnen kann“ ist jedenfalls ein verdammt beschissener Zustand.
Und dafür ist halt die Politik verantwortlich und ich bin sehr gespannt, wer hier den schwarzen Peter zugeschoben bekommt.
Wir erwarten Katastrophen dieses Ausmaßes wie jetzt beim Hochwasser nicht mehr, sagt Katastrophenforscher Martin Voss. Er warnt vor einfachen Schuldzuweisungen - und sieht die Welle der Solidarität als größten Schatz.
Also ich finde das Interview ziemlich gut. Hab mich auch selber drin finden können. Hätte mir einer gesagt, da kommt ein Hochwasser was Leben bedroht, hätte ich wahrscheinlich nur geschmunzelt und gesagt „ja klar, in den Tropen, aber doch nicht hier.“
Ich finde dieses „wir haben es verlernt“ ist schon nicht so ganz falsch. Zumindest ich könnte mich davon nicht frei machen.
Am Ende sind über 100 Menschenleben genommen worden. Das ist schrecklich und eine absolute Grausamkeit. Gerade daraus muss gelernt werden - insgesamt von allen. Auch er sagt ja in dem Interview, dass man nicht einfach jemanden die Schuld zuweisen kann, aber eben auch nicht davon frei sprechen kann. Aber die Frage der Schuld ist leider immer am Ende das, was die Menschen beantwortet haben wollen.
Diese Wissenschafts-Ungläubigkeit triggert mich ungemein. Da machen sehr smarte Leute das zu ihrem Lebensinhalt und forschen zwei_Jahrzehnte_dran, wie man das besser vorhersehen kann und viele unnötige Tote vermeiden kann (manche der Stories sind ja wirklich auch herzzereißend).
Damit man dann „drüber schmunzelt“, wenn eine Extremwarnung kommt.
Das letzte Hochwasser in Deutschland mit vielen Toten war noch in diesem Jahrtausend und schon hat man vergessen, dass das eben nicht nur in den Tropen passiert.
Bin aber auch so ehrlich zu mir selber, dass eine einfache Warnung per Funk, Fernseh oder Whatever nicht dazu gebracht hätte mein Haus zu verlassen. Eben, da ich so ein Ausmaß nicht kenne von Deutschland. Nur von Orten die ganz weit weg sind - oder wie von dir angedeutet an einem der größten Flüsse in Deutschland. Und damals kam es nicht so plötzlich und gewaltig wie bei diesem Hochwasser, wo es innerhalb von 24h diesen unfassbaren Regen gab. Aber auch hier ran merke ich, dass ich es schon schnell vergessen habe. Auch ein Vorwurf an mich selber. Immerhin heißt aber dieses Jahrtausend auch schon 19 Jahre.
Natürlich würde ich sowas heute viel ernster nehmen. Man hat nun sowas wirklich vor der eignen Haustür; - und das war mein Punkt was das „verlernen mit Katastrophen umzugehen“ angeht.
Aber ja, dieses Thema mit Wissenschaft und nicht drauf hören erleben wie seit 1,5 Jahren.
Sehe da nur Videos die unterstreichen, dass es die Leute nicht erwartet haben. Ich stelle mich hier ja nur hin und sage: ich wäre wahrscheinlich einer von ihnen gewesen.
Und genau das ist doch die Stelle, welche du aus der Interview raus ziehst und kritisiert. Aber an sich hat er damit recht - so wie ich das ganze Interview gut finde.
Der Punkt, dass aktuell die ganze Welt (!) darüber diskutiert, wie es sein kann, dass in Deutschland (!) trotz Warnungen (!) so viele Menschen verunglücken, obwohl die Wissenschaft klar und unmissverständlich genau dieses Ereignis vorhergesagt hat und rechtzeitig gewarnt hat?
Der Punkt, dass so ein Interview in einer hitzigen Debatte ungewohnt schnell kommt auf der Frontpage der Tagesschau und in meinen Augen fast schon verzweifelt versucht, zu beschwichtigen, obwohl wir hier Zeugen von einem Riesenskandal sind (once again)?
Die generelle Arroganz vieler Menschen in den Industrienationen bzgl. Naturkatastrophen und das schlagen dieser bizarren Brücke, dass sowas doch nur in Dritte-Welt-Ländern passieren könne?