Leute die in den letzten 15 Jahren auch nur im entferntesten was mit dem deutschen Basketball zu tun hatten sind auf jeden Fall über den Standort Bamberg gestolpert. Damals von Autoteilezulieferer Brose bis unters Dach mit Kohle vollgepumpt hat man über Jahre den deutschen Basketball dominiert und auch in Europa durchaus für Furore gesorgt. Es gab eine Zeit da waren alle europäischen Spitzenteams voll mit Spielern mit Bamberg Vergangenheit und der Rest war in der NBA. Und weil auch im Nachwuchs Spieler wie Louis Olinde, Johannes Thiemann, Leon Kratzer oder Andreas Obst aufkamen, schien das Team über Jahre unschlagbar zu sein.
Nur kam irgendwann das, was kommen muss wenn man von einem Geldgeber abhängig ist: Der Hahn wurde zugedreht und der Verein konnte sich aus eigener Kraft nicht mehr in dem Maße tragen.
Erst kam der überraschende Abschied aus der Euroleague in die Basketball Champions League was damals noch als Strategiewechsel verkauft wurde, aber eher eine Sparmaßnahme war. Da war man zunächst noch recht erfolgreich und kam sogar 2019 bis ins Halbfinale, aber der sportliche Abstiegs ins Mittelmaß war einfach nicht aufzuhalten.
2022 hat man sich das letzte mal regulär für die Playoffs qualifiziert, seitdem ist man eher in der Region zwischen 12 und 16 zuhause. Vor der letzten Saison gab es im Sommer kurz einen gefühlten Aufschwung, da man mit Anton Gavel den Ulmer Meistertrainer mit einer langfristigen Vision nach Bamberg lotsen konnte. Was folgte war Platz 15 in der Liga und eine ärgerliche Niederlage im Pokalfinale gegen den MBC.
Vor ein paar Wochen wurden die BBL Budgets veröffentlicht und zeigen die neue Realität ganz gut: Mit 1,46 Millionen € liegt man bei den Spielerbudgets mittlerweile auf dem letzten Platz in Deutschland. Während gerade diesen Sommer viele sehr gute Spieler aus Frankreich, Israel, Australien oder Italien in die BBL wechselten, blieb für Bamberg nur die unbeliebte Resterampe Europas.
Topscorer Ibi Watson war letzte Saison schon da und ein recht durchschnittlicher BBL Import. Demarcus Demonia kam aus der 2. deutschen Liga, Starting PG und Center kamen aus Polen. Guard Nummer 2 und 3 aus Finnland und Rumänien. Und so zieht sich das eigentlich durch.
Jetzt am Wochenende war mal wieder das Pokal Top 4: Ein Basketballfestival bei dem am Samstag erst die Halbfinals und dann am Sonntag das große Finale. Nach langem hin und her wurde das ganze nun für die nächsten Jahre fest nach München gegeben, was für schlechte Stimmung bei den Fans sorgte. Die Bayern haben 4 mal so viel Personalbudget wie der 2. und bekommen noch so ein Event geschenkt?!
Also kam es zu den folgenden Spielen:
Bayern - Bamberg
Alba - Oldenburg
Der unregelmäßige BBL Verfolger roch also schon das 100. Duell zwischen Bayern und Alba um den Titel.
Doch diese Bamberger Truppe hat dieses Jahr etwas besonderes an sich. Der Kader ist wirklich unterdurchschnittlich in der Länge und Physis, aber hat dafür herausragendes Shotmaking auf allen Positionen und ist extrem flink. Dafür hat man sich offensiv ein System einfallen lassen, was sehr viel auf austauschbare Elemente und Bewegung abseits des Balles setzt und auch wenn die Bayern in der regulären Saison damit kein Problem hatten, war es diesmal etwas komplizierter.
Dazu verteidigte man vor allem Andi Obst, diese Saison einer der besten Spieler in Europa, extrem aggressiv, so das er vor allem um Screens keinen Platz bekam. Das sorgte am Ende für eine der wenigen Off-Nights in dieser Saison(bei der er trotzdem 17 Punkte macht, was vielsagend ist) und die anderen Spieler mussten einspringen. Was zu Bambergs Ungunst auch leider passierte.
- Viertel: +2 Bayern
- Viertel: Ausgeglichen
- Viertel: + 3 Bamberg
Stand es nach 3 Vierteln noch defensiv dominierte 53-54 für Bamberg, drehten beide Teams in Viertel 4 komplett auf. Gerade Obst hatte eine Phase, wo er einfach aussah wie Prime Curry. Dieses kollektive Luftanhalten des Publikums ist wirklich immer ein Zeichen eines besonderen Sportlers.
Doch zu aller Überraschung hielten die Bamberger weiter mit, vor allem Point Guard Cobe Williams traf absurde Würfe und so ging man mit einer 3 Punkte Führung in den letzten Angriff. Obst vergibt zu nächst, der Rebound wird aber rausgetippt und landet direkt bei Dimitrijevic, der den Dreier zum Ausgleich trifft.
Bamberg ließ sich aber nicht schocken und trafen in der Overtime weiterhin alles, während Bayern etwas überfordert vom Druck der Bamberger Defense auf die Ballhandler war, was dazu führte dass sie kaum gute Würfe kreierten. Und so schaffte Bamberg die Sensation und warf die Bayern in ihrem Wohnzimmer aus dem Wettbewerb, das zweite Jahr in Folge das ihnen das gegen einen klaren Underdog passierte.
Das zweite Halbfinale war weniger dramatisch. Oldenburg ist für mich in Topbesetzung aktuell die Nummer 2 in Deutschland, leider fehlten 2 Schlüsselfiguren und der Rest war angeschlagen. Kein Problem für Alba Berlin, +20.
Also kam es zum Duell Alba-Bamberg um den Titel. Das hat natürlich aus mehreren Gründen eine gewisse Brisanz historisch, aber eine Verbindung bleibt bei mir persönlich hängen. Im Pokalfinale 2019 war das ganze so eine Art Trendwende im deutschen Basketball: Bamberg im ersten Jahr außerhalb der Euroleague, Alba Berlin im 2. Jahr unter Coach Aito im Aufschwung in Richtung Euroleague. Und trotzdem holte Bamberg damals den Titel nach einem Gamewinner von Legende Zisis, was der letzte Titel des Clubs sein sollte seitdem.
Bei Bamberg spürte man gestern aber die Müdigkeit von dem Kraftakt des Vortages. Alba zieht im ersten Viertel schnell weg, gerade Point Guard Cobe Williams kommt gar nicht ins Spiel. Die andere große Geschichte des Spiels: Bamberg trifft in der gesamten Partie nur 64% seiner 33 Freiwürfe, Alba holt 21 offensiv Rebounds zu Bambergs 8. Alles keine Zeichen einer guten Energie.
Doch Bambergs Defense kommt irgendwann ins Spiel. Bei Alba fehlt Point Guard Hermannsson, weswegen man eigentlich nur einen Ballhandler auf Spitzenniveau hat und genau das attackiert Bamberg mit Druck in der Point of Attack Verteidigung. Die 3 Lead Guards kommen am Ende auf 12 Turnover kombiniert und nur Malte Delow hält offensiv dagegen, vor allem Jack Kayil hat Riesenprobleme und erlebt ähnlich wie Obst einen Totalausfall(1/10 von Außen). Sie forcieren ihn immer wieder in Richtung der Seitenlinie und nehmen ihm komplett den Drive und weil seine Seperation sowieso nicht die beste ist, wird er kaum einen guten Wurf los.
Am Ende sind es eben nicht Williams und Watson, die wie sonst den Unterschied machen, sondern der aus Polen verpflichtete Center EJ Onu, der vor 2 Jahren schon mal in Bamberg war und kaum BBL Niveau präsentierte und der aus der 2. Liga geholte Demarcus Demonia, der letztendlich den Gamewinner trifft und verdient zum MVP des Finals wird.
Das war eine absolute Masterclass und sein schönes Beispiel, wie man Lücken im Budget trotzdem aufholen kann durch gute Arbeit. Wirklich jede Position im Kader passt in das System, auch wenn die individuelle Klasse mit vielen Standorten kaum mithalten kann. Sie sind unglaublich gut um ihre Defizite herumgecoacht und schaffen es immer wieder, ihren Stiefel durchzudrücken. Dieses Wochenende war sportromantisch wirklich sehr schön!



