Leute, tut es!
Gar nicht so leicht eine Rezension zu schreiben. Ist das ein Familiendrama? Eine sehr, sehr schwarze Komödie? Eine überaus blutige Gangsterballade? Die Antwort: alles von dem. Ist der Film teils absolut geschmacklos? Gehen manche Witze zu weit? Ist der Film unfassbar lustig? Gibt es herzerwärmende Momente und zutiefst menschliche Charaktere? Wieder: alles da.
Es sind genau dieses an jeder Stelle provozierte Brechen von Standard und Grenzen, die die Filme von Andere Thomas Jensen so bemerkenswert machen. Das war schon bei dänische Delikatessen, Adams Äpfel oder Men and Chicken so. Und diesmal treibt er es auf die Spitze.
Es geht um ein ungleiches Brüderpaar. Anker muss nach einem misslungenen Bankraub 15 Jahre in den Knast. Dabei schafft er es aber, die Beute seinem Bruder Manfred, der seit seiner Kindheit an einer Persönlichkeitsstörung leidet, die Beute zu übergeben und bittet ihn, diese bei seinem Elternhaus zu vergraben.
Doch als Anker aus dem Knast kommt, hält sich Manfred für John Lennon und flippt jedes Mal total aus, wenn er Manfred genannt wird. Da er nicht mehr Manfred ist, ist auch nicht aus ihm herauszubekommen, wo das Geld vergraben ist.
Die wahnwitzige Idee zur Heilung: zusammen mit dem Therapeuten von Manfred versucht Anker, die Beatles wieder zu vereinen. Und das nur mit Leuten mit Persönlichkeitsstörung, die sich für einen der Fab Four halten.
Das ist eine großartige Grundlage für allerlei absurde und witzige Situationen. Aber eben auch für (bewusste) Grenzüberschreitungen. Darf ich mich über Leute mit einer klinischen Diagnose amüsieren? Das muss jeder selbst für sich entscheiden. Ich meine ja, da sich nie über die Leute lustig gemacht wird, sondern das ganze eigentlich ein Plädoyer für Individualität und Schrulligkeit ist.
Es bekommt wohl nur Jensen hin, einem Film, der so brutal und teils geschmacklos ist zu einem herzerwärmenden, rasanten und zutiefst menschlichen Film zu machen.
Große Filmkunst.
EDIT: und noch ein Zitat vom Regisseur selbst, der es ganz gut auf den Punkt bringt:
ich halte zum Beispiel nichts davon, über eine bestimmte Gruppe von Menschen keine Witze zu machen, weil du sie dann ja gewissermaßen auch selbst diskriminierst. Ich würde es hassen, selbst Teil dieser Gruppe zu sein. Inklusion bedeutet, dass alle gleich behandelt werden – auch bei den Witzen. Aber es geht ja bei mir nicht darum, Witze über diese Leute zu machen. Ich versuche, über die Tragödien des Lebens auf eine humorvolle Weise zu sprechen.