Würde wohl am besten in den normalen "Urlaub”-Thread passen, aber irgendwie herrschte gestern so ein Gefühl der leisen, inneren Widerauferstehung in mir, dass ich hier mal Revue passieren lasse.
Bin die letzten 1-2 Jahre irgendwie in 'nem schwierigen Tal, hängt hauptsächlich mit Trauer zusammen, hatte damals hier auch mal nebenbei irgendwo erwähnt, dass ein guter Freund gestorben ist. Ganz wichtige Person für meine Frau und auch für mich, topfit und sportlich aus dem nichts tot umgefallen mehr oder weniger, Krampfanfälle, über Nacht mit 33, Autopsie mit bis heute unklarer Ursache, einem im Grunde seelenlosen Korpus am offenen Sarg Zuhause Tschüss gesagt, im Autokorso durch Manchester zum Friedhof gefolgt, Rede auf der Beerdigung gehalten, geliebte Menschen zerbrechen sehen, den Sarg bis an den Verbrennungsofen begleitet. Das war brutal - traumatisierend, möchte ich behaupten.
Das war März 2025, seitdem ist man damit mental täglich zugange und müsste das eigentlich auch professionell mal aufarbeiten, aber dazu ist es noch nicht gekommen.
Kollege war ein Lebemann im rein positiven Sinne, hat jeden Tag genossen, nur das positive und liebenswerte Wort gekannt, hat lange Zeit in Korea gewohnt und dort damals seinen Mann kennengelernt, wirklich jeden Tag geliebt, war viel unterwegs und hatte doch immer Zeit für jeden. So war man froh, dass er in der kurzen Zeit in der er hatte viel gesehen und erlebt hat und ist doch jeden Tag sehr traurig, dass seine Geschichte so abrupt enden musste.
Ich schreibe das relativ neutral und möchte nicht rührselig schwafeln, hoffe das kommt nicht falsch rüber.
Jedenfalls habe ich mich irgendwie anschließend ständig mit mir selbst beschäftigen müssen, meiner Existenz in einer Blase, kaum mal den Kopf aus der Höhle gesteckt in all den gesunden Jahren von denen rechnerisch, selbst falls ich gesund bleiben sollte, jetzt auch nicht endlos viele übrig sind.
Habe es mir eben bequem gemacht und eigentlich ist das auch okay, bin niemand der sich in die Ferne gedrängt fühlt, aber da war jetzt wirklich dieser ständige Begleiter der mir gesagt hat, ich müsse mich mal rauswagen, es könnte jeden Tag durch sein. Ohne Theatralik, ohne Schwermut, ganz neutral.
Durch meine Kollegen beim Fußball und auch inzwischen durchaus Freundschaften, die sich seit 2021 während der Sommerspiele in Tokyo in der Sprach-App "Tandem” und von dort aus in Standard-Messenger verlagert haben, habe ich diese sehnsuchtähnliche Torschlusspanik die eigene Existenz betreffend nach Japan verlagert.
Eigentlich eine ganz normale Midlife-Crisis Nummer, habe keine Kinder, werde dieses Jahr 40, vielleicht normaler Antrieb, sich da irgendwie konfus zu verhalten und mal 'ne Woche auszubrechen, mich hat dann aber wirklich eher dieser konkrete Auslöser angestoßen.
Wollte auch immer gerne mal irgendwohin Reisen, aber ich hasse fliegen wie die Pest. Ich bekomme Panik und kann mich nur schwer beruhigen beim Start und selbst in ruhiger Lage in der Luft schießt im Sekundentakt der Schweiß in die Handflächen. Richtig eklig.
Also hin- und herüberlegt und den Entschluss gefasst, entgegen jeder selbsterhaltenden Vernunft einen 16-Stunden Transitflug nach Japan zu buchen. Wenn schon Flugangst- sich dann auch bitte richtig in’s Knie ficken.
Pläne mit Leuten dort gemacht, die meisten habe ich im Laufe der Zeit schon in Deutschland getroffen, also nicht alles awkward first kennenlern meetings, paar Solo-Pläne geschnitzt und alles ab in die Schublade.
Dann verging die Zeit plötzlich so schnell, die Woche 5 Nächte gearbeitet, dann unsere Hunde zu meiner Mutter nach Norddeutschland gefahren - der eine wollte lieber mitkommen:
Kurze Zeit gepennt, um 7 Uhr aufgestanden, alles vorbereitet, 2-Stunden Flug nach Helsinki - man sieht mir die Vorfreude auf’s Fliegen an:
Kurzer Transit, schneller Rentier-Taco, Boarding-Pass gescannt, Japan Airlines, Hüpfer auf 10.000 Meter und 14 Stunden auf der Uhr.
Keine Sekunde gepennt, ständige Angstzustände. Natürlich lässt das Adrenalin mal nach, niemand kann 14 Stunden am Stück angespannt sein, nur leider nie genug, dass man mal zur Ruhe findet. Ständig stundenweise Phasen, in denen die Angst in die Knochen schleicht. Furchtbar.
Kollege fliegt jedenfalls, danke Putin, du Affe, 'ne Schleife um den Globus, zieht einmal der Sonne hinterher 'nen kompletten Tageslichtflug und setzt uns dann, man glaubt es kaum, irgendwie in Asien ab.
Am Flughafen von einer Familie mit der ich lange Kontakt habe mit dem Auto abgeholt worden, haben uns gezeigt wie wir was zu tun haben, wie wir in der Stadt vorankommen, haben uns zum Hotel gefahren, beim einchecken geholfen, sind dann mit denen (Eltern + 2 Kids) was Essen gegangen und irgendwie ist mir dann der Vorhang von den Augen gerollt.
Ich war zu dem Zeitpunkt nach 5 Nachtdiensten über 30 Stunden wach, 16 davon in Flugzeugen, eine Sache die ich normalerweise bis ans Ende meiner Tage unter Garantie ewig vor mir hergeschoben hätte. Aber irgendwie hab ich’s dann, wenn auch in Teilen aus traurigem Antrieb, doch hinbekommen. Ein großer Teil dieses Antriebs war das Wissen, dass unser verstorbener Freund sich sehr für uns gefreut hätte und auch Stolz auf mich gewesen wäre, diese Flugangst zu bezwingen.
Andere Leute steigen in den Flieger, schlafen 10 Stunden und denken da verständlicherweise nicht groß drüber nach, für mich war das ein richtig, richtig großer Schritt.
Am Tisch entwickelten sich dann Gespräche zwischen mir, meiner Frau, meiner japanischen Bekannten von Tandem die viel hin- und her übersetzen musste, ihrem nur japanisch sprechenden Mann, mit dem ich in gebrochenem Englisch und Japanisch nach anfänglicher Schüchternheit mit Hand und Fuß unter viel ehrlichem Gelächter dann doch gut kommunizieren konnte, deren Tochter, die fleißig Englisch lernt und nach und nach ihre Schüchternheit abgelegt hat - mit gelegentlich fragendem Einwurf der im Omu-Reis stochernden, zweiten Tochter.
Einige Stunden dort verbracht, man hätte mich vor Müdigkeit einfach in die Schrankwand stellen können und ich wäre eingepennt aber ich hatte so viel Spaß, so viel ehrliche Freude aus dem Herzen heraus und habe so viel ehrlich gelacht, dass selbst wenn dieser Tag für sich stünde, er diese Reise wert gewesen wäre.
In einem anschließenden Foto im Aufzug des Hotels konnte man dann auch gut sehen, was diese Anstrengungen mit mir angestellt haben. Diese Augenringe zeugen von ehrlicher Anstrengung:
![]()
Ich werde jetzt 3 Wochen hier sein, mir auch Osaka, Nagoya, Kyoto und einige kleinere Regionen anschauen, versuchen viele schöne Erinnerungen zu sammeln und das, was normale Leute "Urlaub” nennen mal ganz tief in meinem Herzen einzugraben.
Du hattest doch die Sprache gelernt, @Thrasher ? Machst du das noch? Privat Online? Hast du da einen Lehrer/Bezugsperson? Falls ja, ist irgendwie Vermittlung möglich? Ich möchte da sehr gerne tiefer rein, ich beginne, Leute und Kultur in’s Herz zu schließen.
Sorry für die wall of text, bin 'ne Labertasche. Lieb euch. ![]()



















































































































































