Bearaphines Japanreise

Würde wohl am besten in den normalen "Urlaub”-Thread passen, aber irgendwie herrschte gestern so ein Gefühl der leisen, inneren Widerauferstehung in mir, dass ich hier mal Revue passieren lasse.

Bin die letzten 1-2 Jahre irgendwie in 'nem schwierigen Tal, hängt hauptsächlich mit Trauer zusammen, hatte damals hier auch mal nebenbei irgendwo erwähnt, dass ein guter Freund gestorben ist. Ganz wichtige Person für meine Frau und auch für mich, topfit und sportlich aus dem nichts tot umgefallen mehr oder weniger, Krampfanfälle, über Nacht mit 33, Autopsie mit bis heute unklarer Ursache, einem im Grunde seelenlosen Korpus am offenen Sarg Zuhause Tschüss gesagt, im Autokorso durch Manchester zum Friedhof gefolgt, Rede auf der Beerdigung gehalten, geliebte Menschen zerbrechen sehen, den Sarg bis an den Verbrennungsofen begleitet. Das war brutal - traumatisierend, möchte ich behaupten.

Das war März 2025, seitdem ist man damit mental täglich zugange und müsste das eigentlich auch professionell mal aufarbeiten, aber dazu ist es noch nicht gekommen.

Kollege war ein Lebemann im rein positiven Sinne, hat jeden Tag genossen, nur das positive und liebenswerte Wort gekannt, hat lange Zeit in Korea gewohnt und dort damals seinen Mann kennengelernt, wirklich jeden Tag geliebt, war viel unterwegs und hatte doch immer Zeit für jeden. So war man froh, dass er in der kurzen Zeit in der er hatte viel gesehen und erlebt hat und ist doch jeden Tag sehr traurig, dass seine Geschichte so abrupt enden musste.

Ich schreibe das relativ neutral und möchte nicht rührselig schwafeln, hoffe das kommt nicht falsch rüber.

Jedenfalls habe ich mich irgendwie anschließend ständig mit mir selbst beschäftigen müssen, meiner Existenz in einer Blase, kaum mal den Kopf aus der Höhle gesteckt in all den gesunden Jahren von denen rechnerisch, selbst falls ich gesund bleiben sollte, jetzt auch nicht endlos viele übrig sind.

Habe es mir eben bequem gemacht und eigentlich ist das auch okay, bin niemand der sich in die Ferne gedrängt fühlt, aber da war jetzt wirklich dieser ständige Begleiter der mir gesagt hat, ich müsse mich mal rauswagen, es könnte jeden Tag durch sein. Ohne Theatralik, ohne Schwermut, ganz neutral.

Durch meine Kollegen beim Fußball und auch inzwischen durchaus Freundschaften, die sich seit 2021 während der Sommerspiele in Tokyo in der Sprach-App "Tandem” und von dort aus in Standard-Messenger verlagert haben, habe ich diese sehnsuchtähnliche Torschlusspanik die eigene Existenz betreffend nach Japan verlagert.

Eigentlich eine ganz normale Midlife-Crisis Nummer, habe keine Kinder, werde dieses Jahr 40, vielleicht normaler Antrieb, sich da irgendwie konfus zu verhalten und mal 'ne Woche auszubrechen, mich hat dann aber wirklich eher dieser konkrete Auslöser angestoßen.

Wollte auch immer gerne mal irgendwohin Reisen, aber ich hasse fliegen wie die Pest. Ich bekomme Panik und kann mich nur schwer beruhigen beim Start und selbst in ruhiger Lage in der Luft schießt im Sekundentakt der Schweiß in die Handflächen. Richtig eklig.

Also hin- und herüberlegt und den Entschluss gefasst, entgegen jeder selbsterhaltenden Vernunft einen 16-Stunden Transitflug nach Japan zu buchen. Wenn schon Flugangst- sich dann auch bitte richtig in’s Knie ficken.

Pläne mit Leuten dort gemacht, die meisten habe ich im Laufe der Zeit schon in Deutschland getroffen, also nicht alles awkward first kennenlern meetings, paar Solo-Pläne geschnitzt und alles ab in die Schublade.

Dann verging die Zeit plötzlich so schnell, die Woche 5 Nächte gearbeitet, dann unsere Hunde zu meiner Mutter nach Norddeutschland gefahren - der eine wollte lieber mitkommen:

Kurze Zeit gepennt, um 7 Uhr aufgestanden, alles vorbereitet, 2-Stunden Flug nach Helsinki - man sieht mir die Vorfreude auf’s Fliegen an:

Kurzer Transit, schneller Rentier-Taco, Boarding-Pass gescannt, Japan Airlines, Hüpfer auf 10.000 Meter und 14 Stunden auf der Uhr.

Keine Sekunde gepennt, ständige Angstzustände. Natürlich lässt das Adrenalin mal nach, niemand kann 14 Stunden am Stück angespannt sein, nur leider nie genug, dass man mal zur Ruhe findet. Ständig stundenweise Phasen, in denen die Angst in die Knochen schleicht. Furchtbar.

Kollege fliegt jedenfalls, danke Putin, du Affe, 'ne Schleife um den Globus, zieht einmal der Sonne hinterher 'nen kompletten Tageslichtflug und setzt uns dann, man glaubt es kaum, irgendwie in Asien ab.

Am Flughafen von einer Familie mit der ich lange Kontakt habe mit dem Auto abgeholt worden, haben uns gezeigt wie wir was zu tun haben, wie wir in der Stadt vorankommen, haben uns zum Hotel gefahren, beim einchecken geholfen, sind dann mit denen (Eltern + 2 Kids) was Essen gegangen und irgendwie ist mir dann der Vorhang von den Augen gerollt.

Ich war zu dem Zeitpunkt nach 5 Nachtdiensten über 30 Stunden wach, 16 davon in Flugzeugen, eine Sache die ich normalerweise bis ans Ende meiner Tage unter Garantie ewig vor mir hergeschoben hätte. Aber irgendwie hab ich’s dann, wenn auch in Teilen aus traurigem Antrieb, doch hinbekommen. Ein großer Teil dieses Antriebs war das Wissen, dass unser verstorbener Freund sich sehr für uns gefreut hätte und auch Stolz auf mich gewesen wäre, diese Flugangst zu bezwingen.

Andere Leute steigen in den Flieger, schlafen 10 Stunden und denken da verständlicherweise nicht groß drüber nach, für mich war das ein richtig, richtig großer Schritt.

Am Tisch entwickelten sich dann Gespräche zwischen mir, meiner Frau, meiner japanischen Bekannten von Tandem die viel hin- und her übersetzen musste, ihrem nur japanisch sprechenden Mann, mit dem ich in gebrochenem Englisch und Japanisch nach anfänglicher Schüchternheit mit Hand und Fuß unter viel ehrlichem Gelächter dann doch gut kommunizieren konnte, deren Tochter, die fleißig Englisch lernt und nach und nach ihre Schüchternheit abgelegt hat - mit gelegentlich fragendem Einwurf der im Omu-Reis stochernden, zweiten Tochter.

Einige Stunden dort verbracht, man hätte mich vor Müdigkeit einfach in die Schrankwand stellen können und ich wäre eingepennt aber ich hatte so viel Spaß, so viel ehrliche Freude aus dem Herzen heraus und habe so viel ehrlich gelacht, dass selbst wenn dieser Tag für sich stünde, er diese Reise wert gewesen wäre.

In einem anschließenden Foto im Aufzug des Hotels konnte man dann auch gut sehen, was diese Anstrengungen mit mir angestellt haben. Diese Augenringe zeugen von ehrlicher Anstrengung:

:bearaphine:

Ich werde jetzt 3 Wochen hier sein, mir auch Osaka, Nagoya, Kyoto und einige kleinere Regionen anschauen, versuchen viele schöne Erinnerungen zu sammeln und das, was normale Leute "Urlaub” nennen mal ganz tief in meinem Herzen einzugraben.

Du hattest doch die Sprache gelernt, @Thrasher ? Machst du das noch? Privat Online? Hast du da einen Lehrer/Bezugsperson? Falls ja, ist irgendwie Vermittlung möglich? Ich möchte da sehr gerne tiefer rein, ich beginne, Leute und Kultur in’s Herz zu schließen.

Sorry für die wall of text, bin 'ne Labertasche. Lieb euch. :revolving_hearts:

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Wünsche dir eine wunderbare Zeit hier.

Das Angebot steht natürlich weiterhin für alle, die den Weg nach Japan/Tokio finden.

Ich wollte schon länger mal einen längeren Post zum Leben in Japan schreiben, aber meine Aktivität im Forum hat sich dann doch eher aufs tägliche Lesen statt Schreiben beschränkt.
Daher erstmal in Kürze. Und wenn Interesse besteht, kann ich weitere Eindrücke aus Japan schildern:
Das Land ist fantastisch. Ursprünglich war unser Plan, ca. 2 Jahre hier zu leben und dann die Rückreise nach Europa anzutreten. Nun sind 1,5 Jahre vergangen und der Umzug zurück wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Während Japan als Tourist oft laut, bunt und begeisternd ist, ist das tägliche Leben hier in vielerlei Hinsicht bequem, günstig und stressfrei. Das liegt in erster Linie an drei Dingen: Qualitätsanspruch, „Convenience“ und Respekt im Alltag. Kein Stress mit (Bahn-)Verspätungen, keine Probleme, wenn man doch mal aus Versehen jemanden anrempelt, extrem hohe Standards in nahezu jeder Bar und jedem Restaurant, jederzeit alles in fußläufiger Nähe verfügbar (nur Liebe für 7-Eleven, FamilyMart und Co.), keine Sorgen, wenn die Frau nachts zu Fuß alleine nach Hause geht.

41 Danksagungen

Aktuell leider ichts dergleichen, habe Volkshochschule und Selbststudium gemacht, aber ist im Zeitstrudel untergegangen.

Danke für den tollen Bericht.

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Super Geschichte, vor allem wie du dich für den langen Flug überwinden konntest. Hier würden sich bestimmt viele über weitere Fotos freuen.

1 Danksagung

Vielleicht kannst du aus deiner Ähnlichkeit zu Chris Broad von „Abroad in Japan“ was machen.

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Danke dir!

Schade, hätte ich das auf dem Schirm gehabt, hätte ich dich sicher angehauen, aber so wird’s wahrscheinlich ein bisschen knapp.

Jedenfalls eine schöne/mutige Entscheidung von dir mit vollstem Verständnis für alles was du aufzählst - der Service, das zuvorkommende selbst in größter Hektik, der convenient lifestyle und die Grundtugenden weg vom überbordenden Individualismus sind Beeindruckend. Ich kann mir da mit meinem Kurzbesuch in bis jetzt nur der einen Ecke keine fundierte Meinung erlauben, aber ich kann mir vorstellen, was Du meinst.

Alles klar! Danke für die Rückmeldung, war das bei der VHS in Grundzügen fruchtbar?

Das Tal der tiefen Tränensäcke und das leicht aufgedunsene Erscheinungsbild habe ich mir ja schon angesoffen, da wird der Rest doch ein leichtes sein.

Habe gehadert, ob das nicht etwas überdramatisiert und unnötig daherkommt, aber eine Angst zu überwinden, auch wenn sie im sachlich-logischen Kontext distanziert betrachtet Insignifikant wirkt, ist ja dann doch etwas, wodrauf man zwischendurch mal Stolz sein darf. Man muss ja auch mal nett zu sich selbst sein.

Ansonsten müsst ihr euch jetzt einfach meinen Reisebericht über euch ergehen lassen:

Tag 1 und 2 - Otsuka-Station und die Invasion der Eindrücke

Eine schwüle Angelegenheit, die erste Nacht hält etwa 3 Stunden, nassgeschwitzt öffnet man die Augen und wirft die Decke beiseite, es ist 4 Uhr morgens. Bis um 8 wälzt man sich wach umher, steigt aus dem Bett, hockt sich wie eine Sardine in die Miniatur-Plastikwanne und spült sich ab, um nicht die überfüllte Bahn vollzustinken.

Erste Station der Meiji-Schrein, touristischer Anlaufpunkt, starke "Checkpoint abhaken” vibes, aber schön zu anzuschauen. Gepflogenheiten und angebrachte Verhaltensweisen auch für Unwissende ausgeschrieben, ein angenehmer Duft geht von den Bäumen aus.

Auf dem Weg zurück erstmal Gaijin-Schnappschuss, grüner Tee für 130¥, ein erfrischender Schnapper.

Im urbanen Dschungel überall schönes grün dazwischengesteckt, die kleinen Butzen, skurrile Gefährte, alt irgendwie mit neu vermischt, jede Straße in die man biegt, weckt irgendeine Neugier.

Letzte Ruhestätte von Natsume Sōseki besucht, Schriftsteller mit … scheinbar interessantem Werdegang. Meine Frau mag die Sachen.

Shirt in MUJI anprobiert, da stülpt dir die freundliche Dame von der Anprobe erstmal 'ne Aldi-Tüte über die Fratze, damit du mit deinen fettigen Pommessalzlippen nicht den Kragen einsaust.

Einkehr in einem schönen "Jun-Kissa”, wohl einem alten Café aus der Showa-Zeit. Sehr schön und leckerer Kaffee, auch wenn man ständig das Gefühl hatte, gerade sitzen zu müssen. Schwierige Kommunikation mit einem älteren Herrn, der angefangen hat mit Gesten zu arbeiten als er gemerkt hat dass ich kein Wort schnalle, um bei jedem vorbeigehen lächelnd die Schulter mit der Hand zu streifen. Irgendwie herzerwärmend.

Später nochmal die Ladung hier bei Yoshinoya reingeballert, Cheese Beef Bowl auf Reis, Pulle Bier, Miso Suppe, Salat mit Kartoffelsalat und Dressing und 'nem komplementären Wasserkanister - für 1418¥, das entspricht einem heutigen Wert von 7,69€.

Der Yen mit heruntergelassener Hose macht einem hier schon fast ein schlechtes Gewissen einkaufen und besonders Essen zu gehen. Dafür bekommste in 'ner halbwegs hygienischen Bude in Deutschland vielleicht das Bier und Wasser, wenn’s reicht. Absolut irre und ein seltsames Gefühl.

Ansonsten viel Gerenne, Erkundung und geshoppe. Es geht hier viel ab, sehr viel, aber das würde auch den Ra(h)men (höhö) sprengen. Bis jetzt fast noch gar nicht richtig gepennt, aktiv wie noch nie in meinem Leben und vorhin, als meine Frau noch Energie für irgendein wholesale-Hochhaus am Ende des Tages hatte, musste ich mich geschlagen geben und habe draußen auf so 'ner Papageienstange gewartet. Bin dort dann ständig eingepennt, mitten in Tokio, sitzend halbe Stunde intermittierend geschlafen, weil die Akkus alle waren. Noch nie erlebt, sowas. Noch nettes Foto bekommen, als sie wieder herausgekommen ist:

Schon gebrochen an Tag 3.

Ansonsten ist unser Hotel wohl in so 'ner leichten shady Ecke, was mich aber als jemand der viel Zeit in Hamburg verbracht hat und jetzt in Duisburg verbringt nicht wirklich schockt, muss ich sagen. Wirkt fast harmlos hier und als Ausländer werde ich auch von den Lockvögeln nicht vollgelabert.

Was in den Straßen aber nachts dann schon befremdlich wirkt sind die vielen Lolita-Girls an jeder Ecke, die Hostess-Dienste anbieten oder die Klemmbretter an Läden an denen die heutigen Frauen "beworben” werden und solche Sachen - ist jetzt kulturell einfach ungewohnt. Heute Morgen auch allen ernstes kurz zum 7/11 gelaufen und auf dem Weg, 20 Meter vom Hotel, einen Bogen um so einen "Salaryman”, einen Arbeiter im Anzug, machen müssen, der total Adrett aber zerstört und kaputtgesoffen um 8 Uhr morgens in seinem Anzug auf dem Gehweg lag - Kopf auf dem Rucksack und zwei Smartphones in der Hand.

Zwei Damen wollten ihn wach pieksen und ein Herr der mit einer Gabel Müll einsammelte hat mit einer Geste signalisiert - liegen lassen.

Auch waren wir heute nochmal mit der Mutter der Familie von Tag 1 und der 15-jährigen Tochter kurz ein bisschen in der Stadt unterwegs. Mit der Mutter chatte ich mal dann- und wann über Gott und die Welt und heute fragte sie, ob wir nochmal so nett wären ein bisschen Zeit mit ihnen zu verbringen.

Die Tochter war wohl jetzt die Tage bei einem Schulausflug nicht dabei, da sie wohl schon länger mit Mobbing zu tun hat und deswegen nicht teilnehmen konnte oder wollte. Stattdessen machen sie jetzt wohl privat was zusammen die Tage und uns von weit weg auszufragen war wohl "interessant und aufregend”.

War auch alles schön, aber solche Sachen wie jetzt am Ende beschrieben zeichnen für mich doch jetzt auch eine andere Art von Druck bezüglich Leistung, eventuell sozialer Stellung, Anpassbarkeit. Sicher Sachen, die auch alle bei uns existieren, aber die Prägung im Detail wie sie hier zu spüren ist und auch doch Klischees bedient - so wie sicher bei uns auch, ist sehr interessant.

Ich bleib dran, es ist 02:23, Morgen ist erneut ein extrem langer Tag - gleich wieder aufstehen und dann Tagesausflug mit einer 77-jährigen Japanerin die ich mal Online kennengelernt habe und die Zuhause noch Englisch unterrichtet. Zieht früh morgens mit uns los und unterrichtet dann Abends. Die Frau ist verrückt. Liebenswert verrückt. Schauen wir mal.

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Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar und die Lehrerin hat uns auch die schlimmsten Foppas im Benehmen erklärt. Aber zum richtigen lernen einer Sprache ist das nur ein winziger Baustein.

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Liebes Fragebuch,

Tag 3 bis … Tag 7, … 10 .. 12 …? Ich habe die Orientierung verloren. Vielleicht bin ich auch schon Monate hier - oder Jahre. Spreche ich mit einem Volleyball? Eventuell.

Enoshima ist ein schönes Inselchen, die Vögel Streiten sich mitunter um den Fisch der Einheimischen und Touristen, es herrscht geschäftiges Treiben, in der Luft liegt der Geruch von Küste und Milch.

Vor den Lokalen die allseits bekannten, lebensgroßen Vorschaupötte. Von der echten Schale kaum zu unterscheiden. Hätte ich auf Plastik gebissen, es hätte mich nicht überrascht. Ein richtig leckerer Proteinbottich. Jetzt nur noch auf die Muckis warten.

Der Weg Richtung Hügel gestaltet sich mitunter abenteuerlich, ein steinalter Bus schlängelt sich enge, hügelige Straßen entlang, gesteuert von einem schweißgetränkten, japanischen Herrn in vermutlich seinen 50’ern, dessen Vorfahren das Wort "emotionslos” in die Welt gesetzt haben müssen. Keine Regung, keine Mimik - Arbeitsethos.

Anders gestaltet sich die Situation um "Pamela” herum, eine Dame mittleren Alters, angetroffen in selbiger Busbüchse, die sich freiwillig-unfreiwillig unserem Grüppchen anschloss. Sie war plötzlich einfach da. Und sie redete - und redete - und redete - und redete … es war … interessant. Mitteilungsfreudige US-Küstenvorstadtmutti trifft auf 77-jährige Japanerin, trifft auf Nordengländerin, trifft auf Norddeutschen … hätte man eine Pen&Paper Truppe auf Papier gebraucht mit der man keinen Kampf gewinnt - hier wäre sie gewesen.

Der begehbare Buddha, mitten im Grün. Ich habe meine Minute ausgekostet, ein schönes Bauwerk. Nah bei gibt es wohl eine ähnliche Stätte die es sich anzuschauen lohnt, der einzige Unterschied sei jedoch angeblich, der andere Buddha wäre "more handsome”. Na gut, das glaube ich mal ungeprüft.

Und bei aller Lobhudelei und Verneigung vor der Liebe zur Perfektion dachte ich mir, ich prüfe doch mal selbst, ob diese Liebe auch einem Produkt standhalten kann, mit dem ich mich gut auskenne - der klassischen Brezel. "HIMMEL - Unsere Kunst ist das Backen!”

Verheißungsvoll einen Bissen aus der reichhaltigen Seite gerupft und … oh Gott … wie Seifenwasser im Mund. Falls es eine Laugen-Hotline gibt, an der man Verbrechen an der Lauge melden kann, gerne Meldung an mich. Das ist nichts.

Abends entscheidet die Frau sich dann für eine kleine Shopping-Tour in Ginza, ich setze mich nach einiger Zeit ab und kehre ein in "Tir na nog”, das klingt vertraut europäisch, mal schauen was da passiert.

Ich steige Stufe um Stufe hinab, zwei, vielleicht drei Stockwerke und werde von einem sympathischen Herrn in Waistcoat in Empfang genommen. Ich erkaufe mir mit 1000¥ den Eintritt und genehmige mir ein Bier - und zwei, und drei … und vier … die Frau meldet sich per Messenger ab Richtung Hotel und ich hänge ab mit Rin dem Barkeeper, Rina der Barkeeperin, Hinako, einer anderen Kundin und einer Dame aus China, die ihren Namen nicht preisgeben wollte - jedoch eine angenehm ruhige Art, sowie das 10/10 "westliche Gefilde” Augen- und Nasenpaket aus Olis Salon an sich trug. Interessant, wie gewöhnlich einem plastische Chirurgie hier zum Teil begegnet, im Vergleich zu dem was wir in Deutschland gewohnt sind.

Rin gibt mir seine Businesskarte um in Kontakt zu bleiben, er begleitet mich sogar bis zur U-Bahn und zeigt mir auf seinem Telefon, in welche Bahn ich steigen muss, er ist ein guter Mann. Auf dem Weg nach unten verabschiede ich mich auch von zwei der Drei Damen, begebe mich auf mein Gleis und … warte … orangene Linie…? Rote Linie? Blaue… Linie …? Vergessen.

Ich habe keine Ahnung wo ich bin und wo ich hin muss. Mit gebrochenem Japanisch spreche ich den Einweiser an, welcher mich die Treppen nach oben schickt. Hier sind alle Rolläden dicht. Nach und nach fahren die letzten Züge ab, kurz nach 12, in Tokyo, so ist das dann wohl.

Ich schlüpfe in einen Ausgang aus den Katakomben, laufe um den Block und erspähe eine Reihe Taxis. Auf dem Telefon öffne ich meine Haltestelle, nehme eine nüchterne Haltung an, öffne vorsichtig die hintere Tür, zeige dem Fahrer mein Handy und frage vorsichtig: "Otsuka Station?” … er passt seine Mimik der Situation an und gibt mir zu verstehen, dass das mit ihm nichts wird. "Train! Train!” ruft er und wischt dabei mit der Hand aus seinem Auto, als wären wir im real life Tinder. Ich nicke freundlich und schließe die Tür.

Was nun? Zug weg, Taxifahrer skeptisch. Letzte Chance Uber, wie es scheint. Ich stelle mich an eine ruhigere Straßenecke, gebe mein Ziel in der App an, warte eine kurze Zeit und … "Fahrt bestätigt” - was ein Glück. Kurze Zeit später taucht er auf: "Ryotaro”, mein Held in schwarzer Rüstung. Freundlich lächelt er nach hinten, fährt schweigend Richtung Ziel, während mir vermehrt aufgrund des einsetzenden Sekundenschlaf das Telefon aus der Hand fällt.

Bei Ankunft entschuldige ich mich auf Japanisch für meine nicht vorhandenen Sprachkenntnisse, danke ihm Uber alle Maßen und schleiche in’s Bett, um mir den Wecker auf 06:00 zu stellen, der am Folgetag dafür sorgt, dass ich mit einem Tagestrip Nagoya Unterbrechung irgendwann spät abends in Osaka einkehren soll. Was für eine gute Idee, sich da am Abend vorher spontan einen reinzustellen. Aber der schöne Abend mit der lokalen Meute war das Leiden wert. Ein großer Spaß.

Am Tag vorher sowie morgens nochmal mit versoffenem Kopf versucht, den Hotelservice des Koffer verschickens in Anspruch zu nehmen, doch aufgrund der Komplexität des Anliegens und meiner Frage in die Runde hinter den Tresen ob jemand ein wenig Englisch spreche, löste sich die Runde blitzschnell in einige "ich muss da nochmal wohin”- Richtungen auf.

Also mit zwei Koffern los durch die Bahn in Tokyo, Richtung Shinkansen, einmal durch den asiatischen Fleischwolf gezogen. Von Fortuna geküsst, im unreservierten Wagen den Platz mit zusätzlichem Stauraum für Koffer besetzen können und dadurch eine entspannte Fahrt gehabt.

In Nagoya selber einen Tandem-Kollegen meiner Frau getroffen, ganz lieber Typ der uns den ganzen Tag herumgeführt hat - in Cafés -

- an einen Schrein, an dem ich meine Liebe für die Taube ausleben und ihnen für 50¥ Futter zukommen lassen konnte -

- in ein tolles Restaurant, in dem ausschließlich Aal als lokale Spezialität serviert wurde und in das ich mich als nicht lokale Person ohne Sprachkenntnisse wohl eher nicht getraut hätte -

- und in ein Nerd-Eckchen der Stadt, in dem ich zwei Tüten voller Perlen meiner Kindheit für 30-40€ mit nach Hause nehmen konnte. Von Dragon Quest, Azure Dreams, Wild Arms, Chrono Cross … alles dabei, in tadellosen Zuständen, zu Grabbelkistenpreisen - zum Teil Cent-Beträgen. Völlig skurril.

Anschließend erneut in den Shinkansen, in dem mein Koffer plötzlich während ich saß an mir vorbeigefahren ist, woraufhin ich die Frau neben mir, die entspannt mit einem Ständer am Telefon ein Video geschaut hat, erstmal hochscheuchen musste. Bremse irgendwie im Eimer an dem Teil. Habe dann aus Kofferparanoia den Rest der Fahrt stehend im Gang an der Tür verbracht.

Anschließend irgendwie durch den nächtlichen, schwülen Regen in’s Hotel gewühlt und den Feuerroten Augen eine Rast gegönnt, während alle sieben Zwerge mit ihren Schmiedehämmern an der Schläfe zugange waren. Halleluja.

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wow danke für deine tollen Einblicke. ich finde es wirklich faszinierend wie sauber dort alles ist. Wir in Europa oder in Rest der Welt bekommen das nicht so hin, hab gestern erst wieder MC Donalds Müll auf der Autobahnabfahrt gesehen…

Kansai, du verrückter Hund.

Selbe Hotelkette - anderes Haus. Osaka riecht irgendwie wärmer und versprüht eine Note „Fisch auf Parkbank liegen lassen“.

Der vibe ist ein anderer, die Leute sind bunter gekleidet, reden mehr, lauter, den Akzent kann ich natürlich nicht differenzieren, aber es muss in etwa so sein, als hätte ich den ICE von München nach Berlin genommen.

Zum bestehen der Reifeprüfung der angeblich besten Küche Japans muss die Stadt natürlich erst einmal dem kritischen Wort eines völlig anspruchslosen Deutschen standhalten, der Pommes Schranke nicht von Austernsuppe unterscheiden kann.

Ein „Ice Dog“, ein heißes Brötchen, gefüllt mit Soft-Eis und garniert mit Blaubeersoße, sanft vermengt im Magen mit zwei verschiedenen Arten Takoyaki, gefolgt von einem Curry mit Miso Suppe der Billigkette „Maruyasu“. Ein Traum von einem Nachgeschmack. Das Curry kam mit Wasserflat und der Suppe mal wieder mit etwa 4€ daher, was auch nach 1-2 Wochen noch immer ein wirklich latent schlechtes Gewissen verursacht. Selbst die fast food Curryketten hier sind so lecker und die Leute sind so freundlich, dass man sich richtig schlecht fühlt, so günstig hier so reinzuhauen. Aber das ist hier wohl der Arbeitsethos und das Anspruchsdenken, das ist dann einfach so.

Wenn ich von Norddeutschland aus gelegentlich mal Kopenhagen angesteuert habe dann war ich froh, für etwas mehr als das doppelte eine Tasse Kaffee zu bekommen. Völlig absurd. Dieses Gefühl zieht sich von Tag zu Tag und ebbt nicht ab.

Einen Abend dann eine „Deutsch-Lounge“ besucht, über einen Tandem-Kontakt vorher schon so geplant und da ich mit fast leeren Koffern angereist bin in der Annahme, hier viel Kleidung, Souvenirs und Ähnliches zu kaufen, habe ich vor der Anreise eine Ladung Goodie-Bags mit deutschen Sachen wie Snacks, Tee, Nivea etc. vorbereitet und diese an die Teilnehmer ausgehändigt.

Kam gut an, Stimmung passte und ich hab das einfach mal so angeschleppt ohne zu wissen, wie seriös die Veranstaltung da jetzt wird. Als ich durch die Tür bin und der Kursleiter mir mit 'ner halb leergesoffenen Dose Suntory-Beer entgegenkam ahnte ich, wohin die Reise geht.

Stündchen ein paar „Vokabelspiele“ im Stadt, Land, Fluss- Stil in Grüppchen, dann „freie Runde“. Eine Dame hat eine Thermosflasche aufgeschraubt und während der Konversation zufrieden genippt - als auf die Frage: „Tee? Kaffee?“ mit „Whisky.“ geantwortet wurde, hab ich mir dann im Klassenzimmer auch einfach 'n Bierchen genehmigt.

Es mit einer Teilnahme noch auf die vorläufige Bestenliste für 2026 geschafft, passt, dann kann ja jetzt gesoffen werden. Wie bereits gewohnt nette Leute, interessante Geschichten und der junge Mann um den ich meinen Arm dort so gewaltsam nötige hat, wie sich herausgestellt hat, zwischen 2008 - 2011 in Köln bei Muji gearbeitet, direkt gegenüber dem Laden, in dem ich damals angestellt war.

Vielleicht also vor 20 Jahren schon ein paar mal über den Weg gelaufen, wer weiß das schon. Hat damals auch die Jugend von Viktoria Köln trainiert und kennt von früher noch die Hobbytruppe aus Düsseldorf, in der ich jetzt zugange bin. Mega netter Typ. Paar Kontakte geknüpft, mal dran bleiben, hat viel Spaß gemacht.

Von Osaka aus auch mal nach Kyoto gewagt, meine Frau zwei mal, das erste Mal bin ich aber im Bett geblieben, da ist sie um 5 Uhr morgens los. Da man hier in einer Woche gefühlt nicht mehr als eine Handvoll Stunden schläft habe ich da gepasst und mir die Bilder von Toris und Bergen zeigen lassen.

Ich selber bin dann aber noch einmal mit in die Stadt gefahren. Ist schon stressig, voll, eng - ein bisschen unangenehm, aber nichts, was man nicht erwartet hätte.

„Der kleine Schrein Miyake Hachimangū liegt an der malerischen Eizan-Bahnlinie und ist einer von vielen Schreinen, die Hachiman, dem Kriegsgott und Beschützer des Landes, gewidmet sind. Dieser Schrein, der besonders für den Schutz der Gesundheit von Kindern bekannt ist, zeichnet sich auch durch seine zahlreichen Tauben und Taubenmotive aus, die über das Gelände verstreut sind, da dieser Vogel als göttlicher Bote Hachimans verehrt wird. Versteckt in einer bezaubernden grünen Oase eines alten Stadtviertels von Kyoto ist dieser Schrein ein schöner Ort für einen Besuch, wenn Sie für die Gesundheit eines Kindes beten möchten oder einfach nur eine Vorliebe für Vögel haben.“

Für die Taubensymbolik im entlegenen Kyoto dann nochmal eine Stunde Überlandbus auf mich genommen, die Haltestelle hier steht dem futuristischen Tokyo in nichts nach:

Ein älterer Herr in einem entlegenen Gebäude hat mir dann einige sehr schöne Andenken verkauft - auch hier wieder, völlig entrückte 90’er Jahre Japan-Symbolik. Mann vor Röhrenfernseher mit lauter, bunter Sendung gestützt auf einem Stapel Bücher, umgeben von vergilbten Zeitschriften, deren Seiten im Wind wehend, angetrieben von einem alten, lauten, unrunden Plastikventilator.

Als er mich kommen sieht schaltet er den Fernseher aus, richtet sich kerzengerade auf und widmet seine ganze Aufmerksamkeit uns, ohne hierbei aufdringlich, genervt, gelangweilt oder was auch immer man negativ konnotieren könnte zu sein. Einfach höfliche, neutrale Aufmerksamkeit - wohin man geht.

Hier ist natürlich nichts mit Englisch - sobald man sich aus der Komfortzone Starbucks Shibuya bewegt wird es interessant und lustig - er nur einzelne Worte Englisch, ich nur einzelne Worte Japanisch und trotzdem kommt ein herzlicher Austausch zustande. Irrelevant wirkende Momente, in denen man durch Mimik, Gestik, ehrlichen Respekt Menschlichkeit spürt und wärmender, schöner als alles was man planen und takten kann.

In Osaka selbst natürlich auch alle Touri-Spots und Klischee-Ecken abgelaufen, nochmal mit der Mutter und Tochter getroffen die uns vom Flughafen abgeholt haben - auf Wunsch der 15-jährigen in so 'ne K-POP/Beauty/Große Augen Filter Fotobutze und mit 4 Leuten und lustigem Haarschmuck „süße“ Fotos gemacht. Dieser Lärm in diesen Läden, diese Farben, die Leute, der Lifestyle - ich bin dort so fehl am Platz wie man nur sein kann, und doch wird man immer mit einem herzlich Willkommen mitgenommen und reingezogen.

Auf einem Flur eine richtig geile Densha De Go Maschine mit Leihanzügen - wer kann da schon widerstehen? Ich nicht. Die Jacke habe ich nicht anprobiert, die wäre wahrscheinlich durchgerissen, das Zwergenteil.

Densha De Go „Plug&Play“ mit vorinstallierter Software zum anschließen an den TV übrigens auch für den Heimweg hier eingesackt, richtig Bock drauf. Liebe „Densha De Go“, wie „Crazy Taxi“ mit Zügen - und ohne crazy. „Ordinary Train“, könnte man sagen.

Nintendo World dann auch mitgenommen, schon überteuert, aber den Wahnsinn wollte ich dann auch gerne sehen. Den Express Pass für einige Fahrgeschäfte gekauft, was beim Zahlen für ein wenig zähneknirschen sorgte, an dem völlig überhitzten Tag selber dann aber ein großer Segen war.

Das Jurassic Park Souvenir wäre in Deutschland so wohl eher nicht durch die Qualitätskontrolle gekommen.

Solo-Foto mit Donkey Kong mitgenommen - jetzt war ich am Vortag schon in dieser Prinzessinenbox, da kann ich meine Restwürde dann auch am Garderobenhaken eines Bezahlfotos mit einem Affen abgeben.

Als ich mich in der Schlange auf den vordersten Platz gewartet hatte, musste die arme, wahrscheinlich komplett von Schweiß durchtränkte Wurst mal was trinken gehen. Unglücklicherweise stand ich neben diesem Einweiser der, in guter Ami-Themenparkmanier locker flockig mit mir quatschen wollte. Problem war - kein Englisch.

Also, wieder, kein Wort. Was an sich kein Problem ist - denn ich bin derjenige ohne Sprachkenntnisse und ich muss nicht unbedingt reden. Ich kann einfach nur da stehen. Nichts machen, nur stehen. Aber war nicht drin in dem Moment, also die nächste, abgehackte und dann doch irgendwie nette Konversation die darin endete, dass der mitteljunge, japanische Park-Ranger in seinem Safari-Outfit an diesem Tag zum ersten Mal von „Holsten Pilsener“ gehört hat. Was muss der froh gewesen sein, als der Affe wieder auf der Bühne aufgetaucht ist.

Ansonsten ist das alles wirklich extrem schön und mit Liebe zum Detail gemacht, die Fahrgeschäfte von Nintendo kann man an einer Hand abzählen und die Gegend selbst ist, wohl aufgrund der Flächenlimitierung, dann auch überschaubar. Dementsprechend ist natürlich alles bis zur Oberlippe vollgepackt mit Leuten, Eindrücken, Geräuschen und Bildern. Mir haben da die gebuchten Fahrgeschäfte gereicht, bisschen in der Jurassic Park Wasserbahn geplanscht und gut war’s - Nachmittags entspannt raus und - wer hätte es gedacht - was futtern.

Unvergessliches Okonomiyaki in irgend 'nem Wohnzimmer einer Hinterhausbude zweiter Stock zwischen irgendwelchen Bananenkisten. Kompletter Expositionstag, war schön …

… und doch kratzt man langsam am Limit. Wie viel lächelnd-winkenden Wahnsinn kann der mürrisch-deutsche Einheitsbürger verkraften bis er bei Friedrich darum bettelt, eine Reisewarnung auszusprechen. Alles kann, vieles darf, nichts muss.

Nach 2-3 viel zu langen Stunden Schlaf einen Trip nach Nara eingestreut - das Paradies der nickenden Rehe. Einige waren wirklich freundlich, andere von der Brunftzeit so auf Krawall gebürstet, dass, nachdem man selber einen auf den Sack bekommen hat, die unterhaltsamste Beschäftigung darin lag am Rand zu sitzen und Touristen dabei zuzuschauen, wie sie sich mit ihrem gut gemeinten Kauf einer Packung Reiscracker zur Zielscheibe für Rehangriffe aller Art machten. Bisse in den Hintern, Kauen an der Jacke, zerrupfen der Schnürsenkel - begleitet von Rufen wie: „Give me strength!“ und „Oh my god! Here, take it! Take them all!!“

Natürlich ist es nicht per se „lustig“, wenn Leute von Tieren attackiert werden, aber was wir beobachtet haben waren alles good Sports die sich wehren konnten und eben nur von dieser kindlichen Freude Rehe zu füttern unwissend schnell in den Überlebensmodus wechseln mussten. Extrem skurril. Aber ja, gut, also falls man da jetzt irgendwie mit Kids hin möchte - dann lieber 'ne Runde Wildpark Schwarze Berge, das kann sonst schon böse enden, so wie das bisweilen aussah.

Dann doch noch den more handsome Buddha gesehen - ob das jetzt wirklich der Fall ist, muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Auf jeden Fall beeindruckend, die ganze Struktur.

Osaka Castle auch noch in den Tag gequetscht - ebenfalls so ein Brecher. Wenn die weiter so aggressiv expandieren, ist da sicher bald ein Uniqlo drin.

Und was geschieht wenn das unwesentliche verschwimmt und die wichtigen Sachen in den Fokus geraten, sieht man dann auf dem letzten Bild. Ich war’s nicht, aber der HSV ist allgegenwärtig. :ugrabo:

In diesem Sinne - komplett zerschmettert, im neu erstandenen „Gamba Osaka“ Trikot und mit dieser Weisheit aus dem Nacken eines Fremden verabschiede ich mich mit Fotos die schon fast eine Woche alt sind in meine letzten Tage auf der Insel.

Und der Taifun wird schon nicht so schlimm werden, denk ich mal. Regenjacke an, dann passt das.

43 Danksagungen

So viele schöne Eindrücke und ich hatte die grösste Freude an dem Wimmelbild im ÖV. Man schaut und schaut dann plötzlich ach guck.

Habt ihr das Stadtzentrum wenig besucht, da dir das nicht liegt? Diese Läden, Farben und elektronische „was ist das für Gerät“ finde ich faszinierend.

1 Danksagung

Ach doch, in diesen belebten Gegenden waren wir schon häufig - gerade in Tokyo ist es ja mit „Zentrum“ nicht getan, die Stadt ist eine wabernde Masse, egal in welche Richtung man sich dreht, das kann man kaum beschreiben. Aber ja, da weckt schon alles was man sieht viel Neugier, die drei Wochen die ich hier war sind nicht genug das alles abzudecken - geschweige denn dann noch den Rest des Landes zu erkunden, keine Chance.

Das soll dann auch das letzte Mal sein, dass ich diesen Thread hier für meinen egozentrischen Bericht kapere, denn am Ssmstag geht es in aller Herrgottsfrüh zurück in den Flieger und ich spüre irgendwie eine richtige Trauer.

Ich bin mir bewusst, dass ich hier nur Tourist bin und ich die Lebenseinstellungen, die Erwartungen im Alltag sowie selbigen generell weder nachfühlen noch bewerten kann, aber dafür dass die Leute hier so diszipliniert und fleißig dafür arbeiten Menschen wie mir zu ermöglichen mal einen Blick in dieses Fenster zu werfen, dafür möchte ich schon Danke sagen.

Ich werde versuchen, etwas Respekt und Anstand mit nach Deutschland zu nehmen um ein gutes Vorbild dafür zu sein, wie sich Leute fühlen sollen, wenn sie mein Land besuchen, so wie ich mich hier fühlen durfte, als ich als Fremder diesen Kontinent besucht habe.

Wo war ich … ? Ach ja, raus aus Osaka. Ticket für den Shinkansen gebucht, irgendwie falschen Knopf gedrückt - fehlt wohl eine Karte. Basispreis bezahlt, aber nicht den Shinkansen „Aufschlag“, der mir ein zweites, notwendiges Ticket beschert hätte.

Solle es am Automaten nachlösen. Gehe zum Automaten, schnalle gar nichts, alles so dermaßen kompliziert. Zug fährt in 3 Minuten; eine Umbuchung wäre sicher gut. Versuche, am Schalter die Tickets zu lösen, Bankkarte funktioniert nicht, ich solle mich an meine Bank wenden. Toller Zeitpunkt für den Sicherungsmechanismus.

Karte von Frau geht zum Glück, nächsten Zug bekommen, randvoll die Kiste, sonst nichts zu beanstanden.

Zurück in Tokyo - „Toyoko Inn“ ausgebucht, also eine Woche in einer Kette Namens „APA“ - Gründerfamilie wohl Kriegsverbrechen leugnend, medial sehr präsent, Propagandazeitschriften in den Zimmern und große Hüte tragend. Das war das, was ich so oberflächlich erfahren konnte. Aber für die eine Woche habe ich Politik mal Politik sein lassen und mich einfach reingebucht, in die Geschichte. Wie 10 Liter Müller Milch trinken.

Und alles ist winzig, so winzig. Die Zimmer noch kleiner, die Flure noch enger. Dafür ist das Gebäude riesig, der Fahrstuhl ständig besetzt und es befindet sich ein Onsen in Stock 20 - aber dazu später mehr.

Kurzer Abstecher nach Asakusa - eigentlich aus einem anderen Zweck, aber sobald man die Bahn verlässt, lächelt einen die Bar aus „Perfect Days“ an. So ein schöner Film. Bin nicht so ein extremer Wim Wenders Liebhaber, aber das Ding hat 'nen Nerv getroffen, also gerne anschauen.

Eine Bar weiter zu meinem Kaffee dann versehentlich diese kalte „Suppe“ mit schwimmenden Mochi bestellt. Wollte ich eigentlich nichts mit zu tun haben, aber im generellen Genuschel dann zwei statt einen Teller geordert und joah … gegessen. Seit dem letzen Gang auf die Waage gute 8 Kilo zugenommen. Ups.

Eine etwas verrückte Dame in einem Kaffee maßregelte mich auch schon mit „he is tall, but a bit…“ - dann quetschte sie ihre Wangen zusammen wie ein Hamster. Ich musste lachen. Ich werde versuchen, meine Fitness Zuhause wiederherzustellen, aber als Person mit etwas zu viel Gewicht ist es hier sicher „interessant“, habe ich schon 1-2 mal feststellen dürfen.

Apropos 8 Kilo zugenommen … wie macht man das vergessen? Klar, einfach mehr essen. Dragon Quest wird 40, da liegt es nahe, im Square Enix Café einen Schleim-Pfannkuchen sowie sein dazugehöriges Getränk zu verzehren.

Ein Raum voller schöner Materia und an der Straße beiläufig die Information, dass sich hier die Büros befinden, die hunderte Jugendzimmer der 90’er geprägt haben. Danke dafür.

Hatte ich schon die 8 Kilo erwähnt? Die kommen nicht von irgendwo, sondern zum Beispiel von so 'ner schönen Sünde wie dem Laufbandsushi. Alles was man frittieren kann, rollt dort von der Rampe. Furchtbar.

Zigfach auch Akihabara besucht - ich hab ne große schwarze Tasche, die ist randvoll mit Krempel. Hier, mit ein bisschen Abstand, der Szene dort zugeneigt zu sein wirkt nischig aber hoffentlich doch inzwischen akzeptiert - dort ist es wirklich gefährlich. Zu allen Themen, Anime, Games - Merch, Ständer, Karten, Leaflets … man kann dieser Kultur kaum entgehen, selbst wenn man wollte. Und ja, Akihabara … überteuert und trotzdem faszinierend.

Tag drauf dann ein privates Onsen in Hakone gebucht - wunderschönes grün, Anfahrt mit dem sogenannten „Romance Car“ - bedeutet nur, etwas mehr Beinfreiheit und die Route verläuft etwas langsamer mit mehr Aussicht. Hat gut gepasst, es war relativ klar und Mt. Fuji war zu sehen.

Onsen dann aber auch wirklich entspannend - alle Mineralien eingesaugt, zwei Stunden pure Entspannung und dann im weiteren Verlauf in allen Regionalbussen regelmäßig eingepennt.

Danach zu Lake Ashi gefahren, wohl mit dem Bus eine Erhöhung nach oben begeben, die andere Leute sonst nach unten nehmen. Irgendwie alles verkehrt herum gemacht. Jedenfalls steht da plötzlich ein Piratenschiff, da habe ich jetzt gepasst und mich für die Seilbahn entschieden. Übrigens der Ort für viele Kämpfe in Evangelion, falls sich jemand erinnert. Ganze Sendung spielt wohl in Hakone, gibt auch einen EVA-Souvenirshop direkt am Bahnhof.

Am Ende der Seilbahn dann ein Schwefelvulkan der so vor sich hin brodelt und die Warnung, in ein Building zu runnen, falls das Ding losgeht. Wird bestimmt helfen. Ein so 'n schwarzes Ei bringt wohl irgendwie 7 Lebensjahre on Top - na dann mal los.

Einen für @vintage hatten sie dann auch noch in Petto - Schweizer Haltestelle im japanischen Randgebiet, irgendwie.

Tag drauf dann nochmal meine 77-jährige Tandem-Kollegin besucht. Witzige und fleißige Frau. Durfte mit in ihr gemietetes Appartement und mit vier der Kiddies quatschen, die durften ihr Englisch an mir üben.

Als der junge Mann gehört hat dass ich Fußball mag und aus Deutschland komme hat er mich gefragt, ob ich „Borussia Dortmund“ kenne. Er möge diesen Verein sehr. Da bekommt man fast ein bisschen ehrfürchtige Gänsehaut die Bundesliga betreffend, wenn dich das so ein Zwerg von anderen Ende der Welt fragt.

Heute dann nochmal bisschen Geschirr gekauft und als die Frau ein paar Stunden unterwegs war …

… mal als Solo in „Big Echo“, der Karaoke-Bar, aufgeschlagen. Als ich per Smartphone ein Bier bestellt habe gab es zwei Größen - ich habe die größere genommen in der Annahme, es handele sich um ein großes Glas Bier - am Ende des Tages habe ich einen Pitcher gesoffen.

Der ganze Tag und auch diese Karaoke-Session hatten irgendwie so Finale vibes, das soll es jetzt gewesen sein, der Urlaub ist vorbei, warum war ich nochmal hier? Wollte ich etwas lernen? Über mich - über die Welt? Ich bin so immersiv in dieser Gesellschaft versunken, ich kann mich nicht mehr gut erinnern.

Man erinnere sich an den Eingangs der Reise erwähnten, verstorbenen Freund aufgrund dessen Ableben ich mich so weit heraus gewagt habe. Der Mann hat, auch immer mal mit uns, liebend gerne Karaoke gesungen. Seine Lieblingsblume war die Daffodil - hat einen letztes Jahr oft begleitet das gelbe, gute Stück.

Jedenfalls säusel ich so vor mich hin, wähle „Pictures of You“, weil gutes Lied und mitten im Song verharrt eine Narzisse in Nahaufnahme - dann wird herausgezoomt und man blickt auf ein ganzes Feld.

Da sind mir irgendwie die Tränen gelaufen, konnte nicht mehr an mich halten, ganz unerwartet. Kurz danach kam der Kollege mit 'ner neuen Ladung Bier rein, ich total verheult, alleine, ihn mit meinen Augenringen angrinsend. Der arme Kerl hat sich aus dem Raum verbeugt, wahrscheinlich zitternd und innerlich zeternd. Aber so ist das eben in Akihabara, da laufen auch mal ein paar verrückte rum.

Zurück im Hotel dann die Koffer ein bisschen gepackt, Frau sich in die Falle verabschiedet und ich mal den Mut gefasst, am letzen Tag alleine in’s offene Bad zu gehen. Die Regeln verinnerlicht, Tattoos abgeklebt, mit ein paar nackten Japanern in der heißen Quelle abgehangen, ohne große Aufmerksamkeit zu versprühen wieder in’s Yukata gekleidet, in den Aufzug, Stockwerk 13 und los …

Der Typ neben mir im Aufzug lächelt freundlich, ich verlasse den Aufzug, er auch, ich laufe Richtung Ende des Korridors, letztes Zimmer - er auch. Ich, noch naiv, denke mir: „wahrscheinlich ein Zimmer weiter.“, öffne die Tür per Schlüsselkarte - Kollege hängt mir am Arsch. Ich drehe mich um und sage:

„What’s going on mate, you alright?“

„What?“

„You alright?“

„Yes, can I come in“

„No.“

„Oh, okay, bye.“

Irgendwie also, beim ersten Versuch mich da mal unter Leute zu trauen gleich mal einen erwischt, der mich in die Bude gestalkt hat. Wie unsympathisch. Ich bin ja jetzt 'n großer Typ, mich stört das wenig, aber der Gedanke als Frau, wenn dich da mal ein Mann „anmacht“, das kann schon beängstigend sein, die Perspektive.

Nun gut, dann war das also der Urlaub, vielen Dank dass ich diesen Thread so vollspammen durfte. Ich komme verändert wieder, das ist schon so. Und für’s nächste Mal und dieses Mal und alle anderen Male gibt’s noch diesen Banger:

Passt auf euch auf, Hasenpfoten.

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Grossartig das alles! Nächster Halt DSDS beim Dieter.

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Danke für deine Eindrücke, das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht zu lesen. Bist einfach n Guter.

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Ey, und Du singst krass ordentlich…

Das ist wirklich ein ganz wunderbarer Bericht. Danke.

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Allein für deine Berichte solltest du meistens einen Urlaub pro Quartal machen. Das ist sehr unterhaltsam und werde ich wohl noch 1-2x lesen.

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Weil ich Angst habe, was kaputt zu machen: könnte @mr_maniac alle Posts zum Thema Japanreise in ein eigenen Thread packen? Ich bedanke mich fleißig, hab aber noch keine Zeit das alles zu lesen. Werde das alles an einem gemütlichen Abend mal nachholen und und fänd es generell super, wenn dieser Reisebericht nicht in der endlosen Vorhölle des off Topics schmoren muss.

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