Der Politik Thread - Ersch(l)iessungsanlagen werden vom Steuerzahler bezahlt

Funfact dazu

Weidels Partnerin hat sich offen dafür eingesetzt in der Schweiz, was wohl selten ist da sie sonst eher im Hintergrund lebt.
Weidel setzt sich in Deutschland offen dafür ein das ganze wieder abzuschaffen.

Ich frag mich echt wie dieses Zusammenleben eigentlich funktioniert.

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Zum Thema Aufstiegsversprechen und Ammenmärchen: mich würde mal sehr interessieren, wie viele Coaches aus einem nichtakademischen Haushalt kommen und die Möglichkeit hatten/haben ein Studium zu absolvieren und abzuschließen.

Ob man sich vom System bevorzugt fühlen muss, dass man nach jahrelangem Studium bereits ab knapp 57k zu versteuernden Jahreseinkommens den Spitzensteuersatz zahlen muss, sei mal dahingestellt.

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Das ist nötig geworden, als die Reichen aus dem Gesellschaftsvertrag ausgestiegen sind.

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Nochmal ein ganz anderer Punkt zum Thema Ungerechtigkeit und systemische Bevorzugung.

Nehmen wir als Beispiel den einfachen Arbeiter/Angestellten, idealerweise mit dem mittleren Einkommen des Jahres 2020 in Deutschland in Höhe von 3427 Euro. Dieser möchte wohlwissend, dass die alleinige Rente kaum auskömmlich im Alter sein wird, eine kleinen Grundstamm in Aktien bzw. an der Börse investieren, sagen wir 50 Euro im Monat.

Am Ende des Tages geht dieser einfache Arbeiter/Angestellter also durch sein für ihn existierendes Risiko das Geld zu verlieren in Vorkasse und wird dann im Falle eines Gewinns bestraft, indem er fleißig Finanztransaktionssteuer/Kapitalertragssteuer etc. zahlen darf - Glückwunsch! Doppelten Glückwunsch dann dazu, dass Sparkassen-Olaf am althergebrachten Rentenmodell festhalten möchte, welches im Anbetracht der demografischen Entwicklung eh auf tönernen Füßen gebaut ist.

Nicht auf der Couch, aber: Meine Frau.

Ich komme aus einer recht gutsituierten Doppel-Akademikerfamilie, Eltern sind Chemiker/Manager und Gymnasiallehrerin. Für mich war nie die Frage, ob ich studiere und wer das bezahlt, sondern nur was.

Meine Schwiegereltern sind Maurerpolier und Verwaltungsmitarbeiterin. Mit deren Familien kann man ohne externe Hilfe ein komplettes Haus bauen, meine Frau ist die erste in der ganzen Familie, die studiert hat. Nicht promoviert oder so, studiert. Am liebsten hätte sie etwas in Richtung Innenarchitektur und Design gemacht, aber das war komplett ausser Frage, weil ihre Eltern das nie unterstützt hätten. Deshalb Chemie, und selbst da hat es die Unterstützung ihres damaligen Chemielehrers gebraucht, der zu ihren Eltern gegangen und ihnen vermittelt hat, dass es eine riesige Verschwendung ihres Intellekts wäre, sie nicht nach München studieren gehen zu lassen. Um zu zeigen, dass es ihr ernst ist, hat sie während des Abijahrs das komplette Geld für das erste Jahr zusammengespart.

Gut, dann war sie im Studium. Wir haben uns in den ersten paar Semestern als Tutoren kennen gelernt. Ich habe das gemacht, um mehr Taschengeld zu haben, sie hat an mehreren Wochentagen Tutorien gemacht und am Wochenende im Hotel gearbeitet, um ihr Leben zu finanzieren, weil ihre Eltern sie nur bedingt finanziell unterstützen konnten und das wenige Bafög (familiäre Sondersituation) in München nirgendwohin reichte.

Ihr Arbeitspensum zusätzlich zum Chemiestudium war enorm, ich hätte das ehrlich gesagt nie durchgehalten. Am Ende litten die Noten unter dem Stress, bis irgendwann meine Eltern eingeschritten sind und ihr ein zinsloses Darlehen gegeben haben (ein Geldgeschenk wollte sie nicht annehmen). Das waren „nur“ ein paar Tausend Euro, meine Eltern meinten damals, eine bessere Investition als in ihre Bildung gäbe es nicht, und es hat für meine Frau alles verändert.

So, 6 Jahre später hat sie promoviert, einen Postdoc am MIT gemacht und ist nun Professorin für Chemie. Und ein wesentlicher Faktor war der finanzielle Spielraum, den meine Eltern hatten, ihre aber nicht. Es kommt einem im Nachhinein absurd vor, dass diese 3000 Euro oder was ihre Karriere ermöglicht haben, denn mit ihrem Stipendium zwei Jahre später war das in Windeseile wieder zurückgezahlt.

Und von der finanziellen Seite mal abgesehen: Ich als Akademikerbubblekind (auf meiner Schule waren über 90% Akademikerkinder) hatte komplett unterschätzt, wie sehr man kämpfen muss, wenn man sich aus seinem ursprünglichen Milieu nach „oben“ verabschiedet. Meine Eltern wussten, wie ein Studium abläuft, was für ein Brocken eine naturwissenschaftliche Doktorarbeit in einer ambitionierten Gruppe ist, für ihre Eltern war das alles unverständlich und fremd. Sie wussten nicht, wie sie ihre Tochter unterstützen sollen oder können, sie haben nur gesehen, dass die Kinder in der Verwandschaft nach 3 Jahren Ausbildung Geld verdienen und viel mehr Freizeit haben. Meine Frau sagt immer, sie hatte das grosse Glück, an den entscheidenden Punkten ihres Lebens die richtigen Menschen, Unterstützer und Vorbilder (mich :ulove: ) getroffen zu haben, sonst hätte sie irgendwann aufgegeben.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will: Ich hatte es SO viel einfacher als sie. Habe ich nicht hart gearbeitet? Doch, habe ich auf jeden Fall. Aber man darf nicht unterschätzen, was es für einen Unterschied macht, dass ich diese akademischen Milieus kannte und ich mir nicht an jeder Ecke die Frage stellen musste, ob ich hier hingehöre - ich habe es selbstverständlich angenommen.

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„Dann sind wir uns über den Post ja einig. Jeder postet den exakt selben Text unter das Bild, ok?“
-„Jo.“
-„Jepp.“
-„Ja, mal gucken. CL“

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Die beiden leben ja in der Schweiz, bestimmt nicht aus steuerlichen Gründen, als lesbisches Paar. Partnerin in Sri Lanka geboren, mit zwei Adoptivkindern, Söhne mit Migrationshintergrund, denen ja nach Parteimeinung die Vaterfigur fehlt. Außerdem beschäftigte sie unter der Hand eine ausländische Haushaltshilfe, während über ihren Wahlkreis illegale Parteispenden abgewickelt wurden.
Wer sich jetzt fragt, wie das zusammenpasst, sie fühlt sich natürlich auch benachteiligt und durch ihren Lebenswandel in ihren Aufstiegschancen in der Partei beraubt, so die Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion und Oppositionsführerin.

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Kann das ein stück weit nachvollziehen. speziell den punkt, mein kind macht ne höhere ausbildung als ich. viele haben keine ahnung oder vorstellung was das bedeutet, was das aber auch nicht immer gleich bedeutet. man sieht das ganz extrem bei eltern, wo das kind der erste gymnasiast ist.

Oftmals schicken Eltern ihre Kinder nicht aufs gymnasium, obwohl sie die vorraussetzungen erfüllen, weil „das ja dann eh nix“ wird. Also Eltern die selbst nie in einem gymnasium waren. anderes extrem ist dann, dass eltern erwarten, dass die noten auf dem gymnasium sich im 1er und 2er schnitt bewegen, ansonsten reicht es wohl nicht und das kind schafft das abitur nicht. da sind total verquere vorstellungen, die einen aufstieg schon teilweise in der 6. oder 7. klasse verhindern. ich weiß von vielen kindern in meinem ort, die ans gymnasium hätten gehen können, aber nicht sollten, weil die eltern es so wollten.

die zugangsvorraussetzung ist in meinen augen deutlich einfacher als früher, warum nicht die chance nutzen? und so lange sich alles um ne 3 herum abspielt ist doch alles in butter.

abgesehen davon, bin ich dafür, dass meine kinder ein duales studium machen. ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht, wie ich 3 studenten finanzieren soll, und da geht es uns im verhältnis ziemlich gut.

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Hier. Meine Verlobte, auch nicht auf der Couch.

Schwiegervater war jahrelang auf dem Bau, ist dann Busfahrer bei der BVG geworden. Schwiegermutter hat Krankenschwester gelernt, war dann bis die beiden Kinder aus dem Haus waren als teilzeitbeschäftigte Arzthelferin tätig. In der gesamten Familie, weder mütterlicher -noch väterlicherseits gab es einen akademischen Hintergrund.

Meine Schwägerin und Verlobte waren die ersten, die Abitur gemacht haben. Selbst das war zumindest für meine Verlobte bereits ein ziemlicher Kampf, weil sie keine Gymniasalempfehlung erhalten hatte. Sie konnte ihre Eltern aber davon überzeugen aufs Gymnasium zu kommen, weil sie es sich selbst zugetraut hat und es probieren wollte.

Abitur hat sie dann erfolgreich absolviert. Danach kam eine Ausbildung zur Eventmanagerin und eine kurze Phase der Selbstständigkeit. Dann Immatrikulation in Leipzig in Kommunikations -und Medienwissenschaft. Das Studium hat sie natürlich nicht in der Regelstudienzeit geschafft, da Sie nebenher gute 20 Stunden die Woche arbeiten musste, um Wohnung und Lebensunterhalt zu bestreiten. Unterstützung von Schwiegereltern gab es wenig, da diese selber keinen allzu großen Rücklagen hatten.

Zwischendrin ist meine Schwägerin bereits mit ihrem Studium fertig geworden und konnte ihre Schwester finanziell etwas unterstützen, da sie mittlerweile bei Siemens im Arbeitsschutz untergekommen ist.

Ende vom Lied: sowohl meine Verlobte, als auch meine Schwägerin haben ihr Studium erfolgreich geschafft und verdienen ein Gehalt, von dem man sich schon die ein oder andere Annehmlichkeit leisten kann.

Wäre es mit vermögenden Akademikereltern im Background einfacher gewesen ? Zweifelsohne. Haben beide es dank viel Engagement, harter Arbeit und Verzicht während des Studiums nach „oben“ geschafft ? Ja.

Bei mir ist der Hintergrund ähnlich. Beide Eltern mit mittlerer Bildung, Vater war Außendienstler bei einer Druckerei, Mutter Kassiererin in einem Baumarkt. Hab ganze 11 Semester gebraucht, relativ viel nebenher gearbeitet und mein WG-Zimmer hatte gigantische 12 qm. Hat sich all die Mühe gelohnt ? Aufjedenfall!

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Ja, solche Aufstiegsgeschichten lesen sich immer toll. Nur warum sollte es so ein harter Weg sein? Warum müssen deine Verwandten all das auf sich nehmen und auf so viel verzichten während mittelprächtig talentierte und motivierte Oberklassekinder über die Verbindungen der Eltern und deren Ressourcen alles in der halben Zeit schaffen?
Das Ziel sollte es doch sein, dass alle die selben Chancen haben. Und nicht, dass einige mit wahnsinnigem Aufwand an die Startlinie des Rennens kriechen während andere schon längst gestartet sind. Ok, ich hasse die Rennmetapher, aber du weisst, was ich meine.

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Erklär mir doch mal bitte, was es mit dieser Schreibweise der " lInKeN® Ecke" auf sich hat?

Davon ab ist das faktisch vielfach belegt. In 10 Sekunden googlen zu „Studie soziale Aufstiegschancen“ finden sich Massenhaft Artikel und Studien dazu, nur mal Beispielhaft sei dieser Artikel hier genannt:
Sozialer Aufstieg wird seltener - Hans-Böckler-Stiftung (boeckler.de)

Das ganze ist also nicht irgendeine Hypothese, sondern Realität in Deutschland. Um aus dem verlinkten Artikel zum Abschluss mal ein Zitat zu bringen:

„Im internationalen Vergleich zeigt sich: In kaum einem anderen Land hängen die Chancen so stark von der Herkunft ab wie hierzulande. „Das ist vor allem mit der sehr hohen Bildungsungleichheit zu erklären“, schreibt Spannagel. Bildung sei in Deutschland „stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses abhängig – und damit die soziale Position, die die Kindergeneration später einnimmt“. Auch das Schulsystem funktioniere wie eine große Sortiermaschine, die Kindern ihren späteren Platz in der Gesellschaft zuweist.“

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Gerade Liberale, die immer rumseiern, dass sich Leistung lohnen solle müssten sich dafür einsetzen, dass z.B. nicht vererbt werden darf. Das sind ja Zuwendungen von Dritten, ja geradezu Transferleistungen.

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In den USA war es ja lange Zeit so, dass mit genau dem Argument Erbe relativ hoch besteuert wurde. Bis dann irgendwann das geniale (aus Sicht der Reichen) Framing der „Death Tax“ kam. Wie wiki sagt:

Well-known Republican pollster Frank Luntz wrote that the term „death tax“ „kindled voter resentment in a way that ‚inheritance tax‘ and ‚estate tax‘ do not“.

Das würde dann schön flankiert mit armen Farmern im mittleren Westen, die wegen der Erbsteuer ihre Höfe verkaufen müssten. Da konnten sich die Befürworter noch so sehr den Mund fusselig reden, dass man dafür schon wirklich viele Millionen schwere Höfe haben müsse, die Freibeträge wären schon bei einigen Millionen, das Bild ist einfach zu stark.

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@GentleGiant, dass die Umweltbedingungen, das soziale und kulturelle Kapital, in der ein Mensch aufwächst wird, den entscheidenden Faktor für den zukünftigen akademischen (und meist auch sozialen und finanziellen) Erfolg für den Werdegang eines Menschen darstellen, ist ein extrem robuster, durch jahrzehntelange Forschung in verschiedenen Feldern und Ländern, sowohl durch Querschnittsstduien als auch langfristig angelegten Längschnittstudien gestützter empirischer Befund. Das kannst du dir nicht einfach so wegwünschen. Das heißt jedoch gar nicht, dass man als Individuum gar keine Beeinflussungsmöglichkeit hat (wer sagt denn auch sowas, außer um wie du populistische Scheinargumente hervorzubringen?).

Ich bin Sohn von zwei kroatischen Einwanderern. Mein Vater selbst kommt aus einer Bauernfamilie und hat einen Abschluss vergleichbar mit einem Hauptschulabschluss; meine Mutter aus einer Gastronomen-/Bauernfamilie und hat einen sehr guten Gymnasialabschluss. Sie durfte jedoch nicht ihrem Wunsch nachgehen Jura zu studieren, da sie zum Arbeiten in ihrer Familie eingespannt wurde.

Beide kamen in den frühen 90er nach Deutschland um Arbeit zu finden und haben mit Familie (meine Onkel und Tanten) ein kroatisches Restaurant übernommen; der klassiche „Jugo“ von nebenan in Berlin eben. Für die Übernahme mussten sie einen Kredit aufnehmen. Da sie beide 24/7 gearbeitet haben und sich zu der Zeit niemanden leisten konnten, der auf mich (damals 4 Monate alt) aufpassen würde, wurde ich zu meiner Oma nach Kroatien geschickt, wo ich ein Dreiviertel Jahr gelebt habe. Auf Dauer wollten das meine Eltern nicht, also haben sie ein kroatisches Kindermädchen damit beauftragt auf mich (und später meine erst zwei, dann drei Geschwister) aufzupassen. Meine Mutter hat kaum mehr (und in manchen Monaten weniger) verdient, als wir dem Kindermädchen an Gehalt zahlen mussten.

Meine Mutter hat, da sie in der Küche ohne großen Kundenkontakt arbeitete, und das jeden Tag (jeden - kein Wochenende, keine Feiertage, nur drei Wochen Heimaturlaub im Jahr) nie deutsch gelernt. Mein Vater durch den Kontakt zu Kunden und Zulieferfirmen, Steuerberater, etc. schon, zumindest mündlich. Zu Hause wurde jedoch nur kroatisch gesprochen. Ich konnte, bis ich mit 4/5 in den Kindergarten kam, kein Deutsch. Zum Glück habe ich das irgendwie ohne Zuhilfenahme von externen Förderungen extrem schnell aufholen können und konnte schon zur Einschulung nicht schlechter Deutsch als meine Klassenkamerad*innen.

Da meine Vater jeden Tag von ca. 09:00 bis 22:00 arbeitete und meine Mama von 12:00 bis 22:00, haben wir freizeitlich oder kulturell nie etwas unternommen. Ich war nie mit meinen Eltern im Theater, bei einem Konzert, im Museum, im Zoo oder Aquarium, im Freizeitpark, haben uns Berlin angeschaut oder waren irgendwo essen. Ein einziges mal war ich mit meinem Papa nachmittags, als wenig im Restaurant los war, im Kino. Wir haben Shrek geschaut.

Wir lebten in einem engen Haushalt, ich habe mir mein Zimmer erst mit einem, dann zwei Brüdern geteilt. In der Schule hatte ich Freunde, durfte aber fast nie etwas mit denen unternehmen. Zu Hause waren meine Eltern nie und es war ihnen unangenehm, dass wir a) in so beengten Wohnverhältnissen wohnten und b) das Kindermädchen auch kein Deutsch konnte. Ich habe einmal einen Geburtstag mit Klassenkamerdinen und Freunden gefeiert, meine Sechsten. Zu Geburtstagen, zu denen ich eingeladen wurde, durfte ich oft nicht gehen. Wir konnten uns oft Geschenke nicht leisten und meine Eltern sagten, dass die Freunde und Eltern dann auch erwarten, dass wir selber eine Geburtstagsfeier machen und sie eingeladen sind. Ich habe meine Freizeit vor allem vor RTL2 und Nintendo Spielekonsolen verbracht. Mit meiner Cousine und meinen Cousin, den Kindern meiner Tante, die auch im Restaurant arbeitete, durfte ich mich jedoch täglich treffen. Ich wollte anfangen in einem Fußballverein zu spielen. Wir könnten uns das nicht leisten, sagte meine Papa.

Meine Eltern konnten mir natürlich kaum in der Schule helfen. Meine Mama in Mathematik bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe, aber das wars natürlich. Trotzdem war ich sehr gut in der Schule. Meine Eltern, insbesondere meine Mama, hatten da sehr hohe Erwartungen und waren sehr streng. Sie kam nachmittags kurz aus dem Restaurant nach Hause (die Wohnung und das Restaurant waren nur einige Gehminuten voneinander entfernt) um sich meine Hausaufgaben anzuschauen. Wenn ich sie gemacht habe, ihr mein Schriftbild aber zu unordentlich war, zerriss sie sie und ich durfte sie nochmal machen. Wenn ich eine Note nach Hause gebracht habe, die schlechter war als eine 2, bekam ich richtig Ärger. Ich wurde angeschrien und beleidigt, ich sei undankbar, ich sei nichtsnützig und nichts wert; sie würden alles für mich und meine Geschwister und unsere Zukunft tun, ich würde alles wegwerfen. Ich habe in der 3. Klasse in Musik beim Vorsingen eine 4+ bekommen und habe in der Schule geweint.

Ich bekam eine Gymnasialempfehlung und durfte ab der 6. Klasse ins Gymnasium. Der Umstieg fiel mir schwer, ich hatte aber niemanden, mit dem darüber reden konnte - meine Eltern zuallerletzt. Ich bekam plötzlich keine 1en und 2en mehr, sondern 4en und 5en. Ich versteckte alle Arbeiten und fälschte die Unterschriften. Ich wollte nicht angeschrien und beleidigt werden.
Meine Mutter entdeckte einen zusammengefalteten Test mit gefälschter Unterschrift und alles kam raus.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an das höhere Niveau und aus den 4en und 5en wurden erst 3en und 4en, dann 2en und 3en. Als ich 13 war, hörte unser zweites Kindermädchen auf und meine Eltern fanden keine Nachfolge. Zu der Zeit waren wir Kinder 13, 10, 8 und 3. Meine Eltern arbeiteten nach wie vor von morgens bis abends jeden Tag im Restaurant. Wir waren nun allein und ich musste jeden Tag auf meine Geschwister aufpassen. Darauf achten, dass alle nach der Schule Ihre Hausaufgaben machen, sich nicht bekriegen, wir zu Abend essen, alle ins Bett gehen. Den Haushalt machen. Und meine Schulaufgaben. Mit Freunden konnte ich mich nicht kaum treffen.
Ich musste ab meinem 13. Lebensjahr regelmäßig im Restaurant aushelfen, wenn viel los war. Häufig, wenn ich kaputt nach der 8. Stunde der Schule nach Hause kam. Irgendwann, so ab 16, durfte ich jeden Sonntag von 11:30 bis 21:00 Uhr arbeiten.

Auch als ich etwa 16 war, war der zeitjüngste ja dann auch 13 der jüngste 6. Da hat sich die Lage für mich etwas entspannt, sodass ich ich mich erstmals regelmäßig mit Freunden treffen konnte, zu Hertha gehen, Essen und Trinken, ins Kino. Das Leben war schön. Mein jüngerer Bruder musste nun leider mehr Verantwortung im Haushalt und auch im Aushelfen im Restaurant übernehemn. Ich habe mein Abitur mit 1.4 gemacht, danach ein FSJ angeschlossen und bin kurz davor mein Psychologiestudium mit dem Master abzuschließen. Ich habe noch, bis ich 23 war, an jedem Feiertag und und jeden Sonntag im Restaurant aushelfen müssen (neben meinem gewöhnlichen Nebenjob). Alle anderen Auseinandersetzungen und Hindernisse, die sich mir und meinen Geschwistern vor allem kulturell noch gestellt haben, erspare ich euch (meine Eltern haben bis heute noch nicht verkraftet und verstanden, dass ich „schon“ mit 23 mit meiner Partnerin zusammengezogen bin bzw. überhaupt ausgezogen bin).

Meine drei Geschwister haben Abitur gemacht. Meine Schwester ist kurz vor dem Abschluss ihres Lehramtsstudiums, ein Bruder hat eine Ausbildung beendet, der andere angefangen.
Ich könnte mir jetzt wie du darauf einen darauf herunterholen, dass ich und meine Geschwister es trotz dieser widrigen Bedingungen „geschafft“ haben und es als „Beweis“ dafür nehmen, dass an all diesem sozialistischen Gerechtigkeitsunsinn gar nichts dran ist und es nur auf die Mühe ankommt, die jemand investiert.

Oder einfach anerkennen, dass wir die statistischen Ausreißer sind, und sehr viele Kinder von Einwanderern (natürlich nicht nur von denen!), die unter ähnlichen schwierigen Bedingungen großwerden, es eben deswegen deutlich, deutlich schwerer haben als Kinder von einkommensstarken Eltern mit hohem soziokulurellen Kapital, Abitur und Ausbildung oder Studium zu schaffen. Streitest du das ab? Findest du es verwerflich, diese unterschiedlichen Lebensrealitäten als grundsätzlich verschiedene Voraussetzungen anzuerkennen und zu versuchen, es Menschen wie mir und meinen Geschwistern von Kleinauf etwas leichter zu machen, eine größere Teilhabe an der Gesellschaft zu haben und höhere Bildungschancen zu ermöglichen, oder haben wir das nicht verdient, weil wir das auch ohne die Hilfe geschafft haben?

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tl;dr

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Spannender Input. Tatsächlich gab es ja selten so viel positive Bewertungen des Wahlprogramms in der Sache (klimafreundlichstes etc.) auch von überregionalen Medien und Portalen. Aber, dass Inhalte überwunden werden müssen, weiß nicht nur Die Partei. Ein Gesicht. Eine klare Richtung. Unterkomplexe Weltanalysen gehen gut.

Ich finde auch ästhetisch und medial macht Die Linke wenig her. Dazu kommt das bissig Geifernde einfach in so Runden, wo es darum geht, wer soll was bewegen, nicht so gut an. Da will man Visionen. Auch, wenn man damit zum Arzt lieber gehen sollte, wie Volksmund höhnt. Als kleinere Partei und als linkere vermutlich noch etwas mehr ob der Besetzung der Vorstände in den großen Zeitungen hat man wenig große Aufmerksamkeit und Platz in den Artikel für die eigenen Ideen. Wenn dann dieser Platz für persönliche Streitereien genutzt wird, dann bleibt eben nichts hängen in der Bevölkerung. Schon irre, da die Grundlage (Welt kapott, System kapott) eine solide Bank ist. Aber el hotzo teilen und links wählen - dazwischen liegen Welten und da schlagen sie keine Brücken hin. Hab letztens gesehen, dass es eine Abgeordnete gibt für Feministische Politik, die einen florierenden Instagram-Account hat von den Linken - da gibt’s dann aber nur Sharepics, kein Bild von ihr, kaum was mit Parteikrams. Also wenn man sich selbst versteckt, dann klappt linke Politik. In den Timelines.

Das Argument mit der Sprache, ist ja ein wenig Wagenknecht-Logik. Ich glaube das schließt sich nicht aus, denn bei den jungen Leuten müsste Die Linke ja auch enttäuscht sein. Glaube einerseits progressive Nervdebatten führen zu unbeliebten Themen wie Klimawandel auch für Geringverdiener und Sprach- und Denkweisen, die weniger diskriminieren braucht es. Aber eben der aaaale Gewerkschafter und Kohlekumpel braucht andere Inhalte zum Festhalten. Und die Balance dazwischen ist schwierig, gerade weil man trotzdem das Gefühl braucht, dass es im Ganzen um eins geht: Das Schweinesystem umkrempeln. Robin Hood. Wasweissich.

Diese beiden Ungerechtigkeiten auseinanderdividieren lassen und gegeneinander aufbringen, statt auf dasselbe Problem zurückführen, ist dann eben schlecht zugelassen, weil man sich zu viel um sich selbst dreht. Und andererseits wollen viele auch eher lieber belogen werden. Ehrlich mit Problemen umgehen (siehe auch Baerbock vgl. Scholz), sagen, dass man für irgendwas noch keine konkrete Lösung hat oder, dass es dazu mehrere Meinungen innerhalb der Gruppe gibt - wird alles öffentlich ausgeschlachtet, hinterlässt Chaos. Abgesehen davon, dass Die Linke das auch nicht macht.

Für die Stammwählerschaft im Osten sind sie dann eben doch zu sehr Teil des Systems (in vielen Regierungen und trotzdem ist noch nicht Paradies auf Erden) und viele wollen eben einfach weiterhin den Denkzettel verteilen. Die Wähler will man dann irgendwie mit Sahra oder halbgaren Aktionen behalten, wie die Klimaskepsis in den Gewerkschaftsteilen und andererseits ist man dadurch nicht progressiv genug für junge Leute, die Bock haben auf mit 260 in ein neues System und 130 auf der Autobahn. Im Wahlprogramm ist dann zwar viel drin, aber nach Schlammschlacht und begleitet von lauten Einzelpersonen die das Gegenteil fordern (oder dass man die eigene Partei nicht wählen soll :uyeah: ).

Jetzt kommt hinzu, war man sonst mit SPD und Grüne immer gemeinsam gegen die Konservativen, gibt’s da jetzt klare Abgrenzung, weil man jetzt nicht mehr mit den Schmuddelkindern spielen will. In Berlin rückt die Ampel statt R2G jetzt auch in den Fokus. Ich sehe da nicht die notwendigen Änderungen, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und teilweise auch den Inhalten, aber das könnte dadurch dann ganz düster werden für die nächsten Wahlen.

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@Eddie

Ich dachte, du hättest einfach vergessen, auf Senden zu klicken, weil das „Eddie antwortet…“ nicht verschwand. Stattdessen kommt hier ein Roman :ronaldo:

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alter schwede…ich kriege da beim Lesen irgendwie Gänsehaut und finde es wahnsinnig anheimelnd und „gute laune machend“, was du und deine Eltern an Unterstützung gegeben haben.
Jetzt mal ganz ausklammernd, dass der Grund für das Nötigwerden ein großes Problem unseres Systems ist.
Aber das wollte ich mal loswerden, dass das irgendwie eine richtige „Feelgood“ Geschichte ist.

Mal interessehalber gefragt:
Gibt es eigentlich ein „System“, o.Ä., das genau solche Fälle lösen würde?
Oder habe ich da gerade ein Geschäftsmodell gesehen bei Euch?
Privatier A möchte sein Geld in Studenden B investieren und Ihr/ihm ein konzentrierteres Studium ermöglichen. Daher unterstützt Prvatier A den/die Studenten finanziell und, wenn es keine altruistischen Gründe sind, zahlt Student/in das Geld + Summe X zurück.
Ich meine, selbst, wenn deine Frau dann 6.000 Euro statt 3.000 Euro zurück gezahlt hätte, aber von mir aus in Raten, wäre das ihr wohl möglich gewesen und wir hätten ein weiteres Renditemodell für wohlhabende Menschen.
Oder ist da „nur“ der Staat, der Bafög zahlt?

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Starke Leistung von dir und deinen Geschwistern :+1::+1::+1: sehr schön geschrieben dass ganze